Zukunft für behinderte Kinder in MV : Eltern fürchten um Frühförderung

<strong>Melanie (3 Jahre)</strong> mit ihrer Heilpädagogin Ronny Ochlast im Kindergarten 'Stolpersteinchen' in Neubrandenburg<foto>Kords</foto>
Melanie (3 Jahre) mit ihrer Heilpädagogin Ronny Ochlast im Kindergarten "Stolpersteinchen" in NeubrandenburgKords

Die Zukunft der Landesförderzentren für behinderte Kinder in MV ist weiter ungewiss. Eltern befürchten, dass hinter verschlossenen Türen Entscheidungen fallen, durch die die Qualität der Frühförderung sinkt.

svz.de von
13. Juli 2012, 11:27 Uhr

Güstrow | Die Zukunft der Landesförderzentren für behinderte Kinder in MV ist weiter ungewiss, warnen die betroffenen Eltern. Sie befürchten, dass hinter verschlossenen Türen Entscheidungen fallen, durch die die Qualität der Frühförderung für Kleinkinder sinkt: "Wenn die Landeszentren zerschlagen werden, so wie es geplant ist, gibt es Abstriche bei der Förderung. Private Träger können das nicht stemmen", sagt Andrea Bommhardt vom Elternrat des Güstrower Zentrums.

Die drei zentralen Landesförderzen tren in Güstrow, Neukloster und Neubrandenburg gehen am 1. August vom Land in die Trägerschaft der jeweiligen Landkreise über, als Folge der Kreisreform im vergangenen Jahr. Das Land hat über Jahre hinweg deutlich mehr Geld in die Zentren gesteckt, als es gemusst hätte. Insgesamt geht es um knapp sechs Millionen Euro pro Jahr, die ab August die Kreise aufbringen müssten. Doch die wollen die zusätzlichen Ausgaben nicht tragen. "Denn mit der Frühförderung müssten die Kreise eigentlich private Träger beauftragen", sagt Jan Peter Schröder vom Landkreistag. Die Privaten seien deutlich billiger als die Landeszentren mit ihren teuren Mitarbeitern. Hinzu kommt: Weil es die Landeszentren gibt, haben die privaten Träger derzeit noch gar keine Mitarbeiter, die für die hochspezialisierte Frühförderung ausgebildet sind.

Das Land hat jetzt zwar zugesagt, sich für längstens ein weiteres Jahr an den Kosten der Zentren zu beteiligen: "Aber wir haben Angst, dass die Frühförderung am Ende trotzdem dichtgemacht wird", sagt Bommhardt. Für die Förderung der Kleinen gibt es an den Zentren spezielle Kindergärten und rund 40 mobile Mitarbeiter, die zu Kindern im ganzen Land fahren. Insgesamt sind über 200 Kinder betroffen.

Eines von ihnen ist die dreijährige Melanie, für die der Spezialkindergarten im Förderzentrum Neubrandenburg der letzte Ausweg war. Vor ihrer Geburt bekam sie zu wenig Sauerstoff und erlitt einen Hirnschaden. Sie hat kein Gleichgewichtsgefühl und kann daher weder laufen noch sitzen oder krabbeln. Trotzdem schickten die Behörden sie zunächst in einen integrativen Kindergarten: "Das ging nicht gut", erinnert sich ihr Vater Enrico Herberg mit Schrecken: "Die Mitarbeiter dort haben sich wirklich Mühe gegeben, aber es gab einfach nicht genug Personal." Melanie sei oft einfach in der Ecke liegen geblieben, sagt Herberg, drei Mal sei sie gestürzt und habe sich dabei ernsthaft verletzt. Seit drei Monaten besucht die Kleine nun die Spezial-Kita. Täglich erhält sie dort eine spezielle Therapie bei einer Heilpädagogin. "Es ist einfach unglaublich, welche Fortschritte sie hier macht", sagt der Vater. Durch die Therapie soll Melanie lernen, so gut wie möglich mit ihrer Behinderung zurechtzukommen. "Wir sind wirklich glücklich, dass es diesen Kindergarten gibt", sagt Herberg.

Doch wie gewonnen, so zerronnen? Dass es der Frühförderung jetzt an den Kragen gehen soll, findet Herberg unvorstellbar: "Jeder weiß doch, dass Frühförderung der beste Weg ist, um die späteren Kosten gering zu halten." Das bestätigt Gabriele Witt, Medizinerin am Uni-Klinikum Rostock, die die Therapie hörgeschädigter Kinder begleitet: "In den ersten Jahren ist das Gehirn noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Von der Förderung in diesen Jahren hängt beispielsweise ab, ob die Kinder sprechen lernen."

Vor 14 Jahren übernahm das Land die betroffenen Einrichtungen von den Kreisen und baute sie zu Förderzentren aus: "Die Zentralisierung hatte gute Gründe und war politisch gewollt", sagt Gabriele Witt. Ihr sei "völlig unverständlich", warum das jetzt rückgängig gemacht werde.

Die Politik bemüht sich derweil um Schadensbegrenzung. "Wir wollen den Streit auf keinen Fall auf dem Rücken der Kinder austragen", sagt Henning Lipski, Sprecher von Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD). Das betonen auch alle anderen Streitparteien. Doch die Eltern halten dagegen, genau das sei längst passiert: "In Neubrandenburg haben vier Mitarbeiter Versetzungsanträge gestellt, weil die Zukunft der Einrichtung ungewiss ist", sagt Juliane Ziebarth vom Neubrandenburger Elternrat. Andrea Bommhardt findet, die Politik solle nicht hinter verschlossenen Türen beraten: "Wir Eltern müssen wissen, was Sache ist." Sie hat auch Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) um Hilfe gebeten. Ihr Sprecher lässt wissen, der Ministerin sei das Thema "eine Herzensangelegenheit." Schwesig habe bei Brodkorb "kritisch nachgefragt", wie der aktuelle Stand sei. Am Montag wollen sich die beiden Minister über das Thema unterhalten.

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