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Norddeutsche Neueste Nachrichten

24. November 2017 | 16:21 Uhr

Prostitution : Eine Zuhörerin im Rotlicht-Milieu

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Mit der Beratungsstelle für Menschen in der Sexarbeit gibt es nun in Rostock auch psychosoziale Hilfe für Prostituierte.

von
erstellt am 16.Jan.2015 | 08:00 Uhr

Etwa 200 bis 300 professionelle Prostituierte bieten in Rostock die käufliche Liebe an. Sie arbeiten im Bordell, in den zwei einschlägigen Nachtclubs oder in einer der rund 60 Modellwohnungen. So die Statistik der legalen Sexarbeit in der Hansestadt. Die Zahl der Frauen, die auf anderen Wegen, beispielsweise in ihren privaten Wohnungen oder Massagesalons sexuelle Handlungen anbieten, liegt hingegen im Dunkeln.

Seit Ende 2014 gibt es in Rostock eine Beratungsstelle für Menschen in der Sexarbeit, angesiedelt beim Verein Frauen helfen Frauen und gefördert durch die Stadt. Eine Mitarbeiterin soll für die Frauen vor allem ein offenes Ohr haben, ihnen im Kontakt mit Ämtern zur Seite stehen, ihnen im Prinzip jede mögliche Hilfe vermitteln. „Das Ziel ist es, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen zu verbessern“, sagt Ulrike Bartel, Geschäftsführerin von Frauen helfen Frauen.

Um Vertrauen zu den Prostituierten aufzubauen, sei es wichtig, zunächst einen persönlichen Kontakt herzustellen, sagt die in der Beratungsstelle tätige Sozialpädagogin. Zusammen mit einer Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes sucht sie die bekannten Modellwohnungen auf, stellt sich und ihr Angebot vor. „Meist treten wir offene Türen ein“, sagt sie. Die Frauen seien in erster Linie froh, eine Zuhörerin gefunden zu haben. „Viele von ihnen führen ein Doppelleben. Es tut ihnen gut, mit jemandem sprechen zu können, der wertneutral an ihre Arbeit herangeht“, sagt die Sozialpädagogin.

Die Frauen, die ihr in den Modellwohnungen und im Bordell begegnen, befinden sich in ganz unterschiedlichen Situationen: „Manche sind sehr selbstbewusst und haben sich mit ihrer Arbeit gut arrangiert. Anderen hingegen geht es schlecht, sie bitten um Hilfe.“ Was die Sozialpädagogin dann tun kann, ist zunächst die Beratung. Sie zeigt auf, welche Möglichkeiten es gibt, die Situation zu verbessern. Da geht es zum Beispiel um die hygienischen Bedingungen in den Wohnungen, Hilfe bei Behördengängen, Sozialleistungen oder auch Schwangerschaft und Konfliktberatung. Sollte sich eine Frau für den Ausstieg aus der Prostitution entscheiden, wird sie dabei begleitet. Schulden seien ebenfalls ein großes Thema. „Wir können nicht alles leisten“, sagt die Frauen-helfen-Frauen-Mitarbeiterin. „Aber wir können die Wege verkürzen.“

Die Prostituierten arbeiten in der Regel in Wohnungen, in die sie sich einmieten. Dafür zahlen sie einem Dritten Summen zwischen 80 und 100 Euro am Tag. „Die müssen erst mal erarbeitet werden – und die Preise sind durch den europäischen Markt ziemlich im Keller“, sagt Ines Brembach. Sie arbeitet bei der Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten und Aids beim Rostocker Gesundheitsamt und begleitet die Sozialpädagogin bei ihren Wohnungsbesuchen. Dann informiert sie die Frauen über Präventions- und Untersuchungsangebote. Zehn Stunden stehen ihr im Monat für diese aufsuchende Tätigkeit zur Verfügung – ein knapper Zeitraum, der auch Auswirkungen auf die psychosoziale Arbeit hat. Denn aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen können die Frauen ihre Arbeit nur zu zweit ausüben. Für die Mitarbeiterin der vereinsgetragenen Beratungsstelle erschwert das die Arbeit. Darum hat Frauen helfen Frauen bei der Stadt nun Mittel für die Einrichtung einer zweiten 30-Stunden-Stelle beantragt.

Das Gesundheitsamt könne die zweite Stelle nicht finanzieren, erklärt Amtsleiter Dr. Markus Schwarz. Er betont aber die Wichtigkeit: „Wenn Sie einmal über den Doberaner Platz gehen, kommen Sie an 20 bis 30 Modellwohnungen vorbei, ohne es zu wissen.“ Rostock sei zu einem wichtigen Knoten bei der Verteilung von Sexarbeitern in Nordost-Europa geworden. „Es bedarf einer gewissen Regelmäßigkeit der Besuche, um bei den Frauen Vertrauen zu schaffen“, sagt Schwarz.

„Erst wenn Prostitution als Gewerbe angemeldet werden kann, wird es auch gesetzliche Vorschriften für diesen Berufszweig geben können“, sagt die Sozialpädagogin. Dann würde es für die Frauen leichter, faire Arbeitsbedingungen für sich einzufordern. Bis dahin will sie den Frauen den Rücken stärken, sie beraten, um sich selbst zu schützen und zu helfen.  

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