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Norddeutsche Neueste Nachrichten

22. November 2017 | 17:53 Uhr

Eine Saison in vier Etappen

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erstellt am 10.Apr.2013 | 11:11 Uhr

Rostock | Im Hauptfahrwasser ist nur noch in geschützten Buchten und Westufern dünnes Eis zu finden. Auch in den Boddengewässern ist das Eis geschmolzen, bedecken Reste vornehmlich nur noch die Westküsten. Mit der Ausgabe Nr. 57 erschien vorige Woche der letzte Eisbericht der Saison 2012/13 für die deutsche Ostseeküste und wurde auch die letzte Eiskarte herausgegeben. Das Nachtfahrverbot für die Schifffahrt im Nordrevier Stralsund sowie auf dem südlichen Peenestrom und dem Kleinen Haff wurde aufgehoben. Für die Küste Mecklenburg-Vorpommerns geht ein mäßiger und für die gesamte deutsche Ostseeküste sogar nur ein schwacher Eiswinter zu Ende, berichten Dr. Jürgen Holfort und Dr. Natalija Schmelzer vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) in Rostock.

Die Attribute schwach und mäßig in ihrem vorläufigen Resümee überraschen, hielt der Frost die Küste doch lange im eisigen Griff. Der Einschätzung aber liegen die Anzahl der Tage mit Eis sowie die Eisausdehnung und gemessene Eisdicke zugrunde. Für den Bereich Schleswig-Holstein waren so lediglich die Schleimündung bis Schleswig sowie zeitweise die Flensburger Innenförde zugefroren. Deutlich mehr hatten da durch den Einfluss der kontinentalen kälteren Luft aus dem Osten Gebiete wie die Vierendehlrinne, Unterwarnow und Landtiefrinne an der heimischen Ostseeküste aufzuweisen, wie die BSH-Statistik zeigt. Insgesamt steht an der deutschen Ostseeküste eine flächenbezogene Eisvolumensumme von 0,27 Metern zu Buche.

Erste Gefahrenmeldung bereits am 6. Dezember

In den starken Eiswintern 1995/96 und 2009/10 war es wesentlich mehr. Dass es 2012/13 kein stärkerer Eiswinter wurde, ist der Besonderheit geschuldet, dass der Frost in vier Perioden kam. So meldeten die Eisbeobachter bereits am 6. Dezember das erste Eis, wurde tags darauf auch der erste Eisbericht herausgegeben. Bis zum 28. Dezember dauerte diese Periode, dann gab es vorrübergehend Plusgrade, das Eis ging zurück und erst Mitte Januar begannen wieder frostige Zeiten.

"Besonders stark wurden sie in der Zeit vom 21. bis 25. Februar, wo knackiger Frost die Eisbildung beförderte. Eine kurze Spanne, die aber flächenergiebig war", so Natalija Schmelzer. Die vierte Periode folgte dann vom 12. März bis zum 5. April. Da es keine durchgehende Kälte über einen längeren Zeitraum gab, wuchs die Eisdecke nie normal über zehn Zentimeter, lediglich Aufschiebungen wurden höher. An der Nordsee gab es bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel Tönning) so gut wie keine Eisbildung. Neben dem Wetter verzögert dies hier auch der höhere Salzgehalt des Wassers.

Insgesamt 80 ehrenamtliche Helfer von 130 Stationen (etwa 30 Beobachter kommen aus MV) unterstützten auch in diesem Winter wieder die Arbeit des BSH-Eisdienstes - von Wolf Wenzel an der Schlei bis Frank Sakuth in Thiessow. Der einstige Scandlines-Kapitän veranschaulicht seine Beobachtungen auf Rügen zudem mit Bildern, die auch im Internet zu sehen sind. Diese herkömmlichen Messungen waren in dieser Saison verstärkt gefragt, da im vergangenen Jahr der Umweltsatellit "Envisat" sein Leben aushauchte und keine Radardaten geliefert wurden. Der Nachfolger "Sentinell-1" soll erst in diesem Jahr starten und Bilder von Wettersatelliten werden durch Wolken beeinträchtigt, so Jürgen Holfort.

Der BSH-Eisdienst hat weiter gut zu tun. Am Montag beschrieb Natalija Schmelzer im Amtsblatt des BSH wieder die Eislage für den gesamten Ostseeraum - inzwischen der 85. Bericht. Während von der deutschen Küste nur noch Reste zu vermelden sind, bestimmt an der finnischen, schwedischen und russischen Küste noch bis 70 Zentimeter dickes Festeis die Szenerie, sind Eisbrecher im Einsatz, um Schiffen die Zufahrt zu Häfen im Finnischen und Bottnischen Meerbusen zu erleichtern. Bis Ende Mai geht hier erfahrungsgemäß die Eissaison.

Anschließend wird der BSH-Eisdienst mit der Aufarbeitung digitaler Daten für die Deutsche Bucht in der Nordsee beginnen. Eine Sisyphos-Aufgabe, die anhand alter Karten und Aufzeichnungen die Mitarbeiter wohl zwei bis drei Jahre fordern dürfte. Im März vergangenen Jahres wurde vom BSH-Eisdienst mithilfe von Zuarbeiten polnischer Kollegen der digitale Eisatlas für die westliche und südliche Ostsee fertiggestellt. Er umfasst die Seegebiete von Flensburg und der dänischen Küste bis zum Frischen Haff. Besonders bei Ingenieurbüros, die sich mit Offshore-Projekten und anderen Wasserbauten beschäftigten, ist er gefragt. Die gedruckte englische Ausgabe im A 3-Format ist kostenpflichtig, als PDF-Dokument ist der Atlas kostenlos und es gibt ihn neben der englischen auch in deutscher Version.

Immer wieder wird angesichts steigender Spritpreise und wiederholter Piraten-Übergriffe am Horn von Afrika der Nutzen der Nordost-Passage alternativ zum üblichen längeren Seeweg von Europa nach Fernost diskutiert. Von einer Arbeitsgruppe der internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) werden dafür gerade Regeln für polare Gewässer erarbeitet, berichtet Jürgen Holfort, der für das BSH an diesem "Polare Code" mitarbeitet. Dieser soll durch verschiedenste Vorgaben den Schiffsverkehr in polaren Gewässern sicherer machen. Die Vorgaben reichen von der Konstruktion der Schiffe über Sicherheitsausstattungen bis hin zur Qualifikation der Mannschaft. Umweltschutz ist ein weiterer wichtiger Schwerpunkt. "2012", so Holfort, "nutzten 46 Schiffe die Nordostpassage, somit den Weg über Murmansk bis Kamtschatka." In der Regel verkehren sie von Mai bis Oktober.

Nördliche Route spart viel Zeit

Anfang November vergangenen Jahres hatte auch der Flüssiggastanker "Ob River" die Route auf seiner Fahrt von Nordnorwegen entlang der Küste Sibiriens durch die Beringstraße Richtung Japan erfolgreich genutzt und dabei 20 Tage gegenüber der üblichen Suez-Passage eingespart. Allerdings gibt es auf dieser Route keine Nothäfen für größere Schiffe und keine Reparaturkapazitäten, sind Eis-Navigatoren an Bord vonnöten, so die BSH-Spezialisten. Rohstoffe, wie hier vorhandene Öl- und Gasvorkommen, werden aber verstärkt in die arktischen Gewässer locken. Die Claims sind längst abgesteckt. Natalija Schmelzer hatte vor einigen Jahren bei einer Exkursion zu den Gasfeldern Sibiriens aber auch die Probleme von Permafrostböden gesehen, die Investitionen erschweren. Verlässliche Eisdaten können für die Erschließung der Vorkommen und die Schifffahrt aber eine Hilfe sein und auch Umweltrisiken minimieren.

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