Schicksale : Eine Rostockerin hilft in Nepal

Einsatz: Sie hat in einem Kindergarten und als Lehrerin gearbeitet, mit dem Erdbeben wurde Studentin Hanna Geschewski (unten links) wie viele zur Aufbauhelferin. Fotos: privat
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Einsatz: Sie hat in einem Kindergarten und als Lehrerin gearbeitet, mit dem Erdbeben wurde Studentin Hanna Geschewski (unten links) wie viele zur Aufbauhelferin. Fotos: privat

Studentin Hanna Geschewski hat das Beben miterlebt, Dörfer besucht und zieht ihre ganz eigene Bilanz.

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29. Juni 2015, 12:00 Uhr

Die gebürtige Warnemünderin Hanna Geschewski lebt seit sechs Jahren in Kathmandu. Sie war da, als das Erdbeben Zentralnepal erfasste. In ihrem Bericht für die NNN schildert die Umweltwissenschaftsstudentin ihre Erfahrungen. Sie bringt sich für Hilfs- und Wiederaufbauprojekte ein und hat eine eigene Spendenkampagne, um den Neubau des zerstörten Hauses ihres Bekannten Madhu zu finanzieren.

Wochen sind vergangen seit dem schwersten Erdbeben Nepals seit 1934. Wochen einer emotionalen Achterbahnfahrt: Schock nach dem Beben, Fassungslosigkeit beim Anschauen erster Bilder, Erleichterung, weil niemand im Freundes- und Bekanntenkreis verletzt wurde, Tatendrang, Hilflosigkeit, Angst während der nicht enden wollenden Nachbeben.

Nepal und vor allem Kathmandu stand seit Jahren ganz oben auf der Liste von Orten mit hoher Erdbebenwahrscheinlichkeit. Die Frage war nie „ob?“, sondern „wann?”. Am 25. April, 11.56 Uhr Ortszeit, war es so weit. Die Erde bebte für beinahe eine Minute, die das Leben vieler für immer verändern sollte. Nach Angaben des aktuellen UN-Reports wurde eine halbe Million Häuser zerstört. 8702 Menschen kamen ums Leben. Ein Wort, das in Berichten immer wieder gefallen ist, ist Resilience – Belastbarkeit oder Ausdauer. Großmütter, die bereits das verheerende Erdbeben vor 81 Jahren miterlebt, zum zweiten Mal alles verloren haben, lächeln nur und wischen all die Sorgen um die Zukunft mit einem lässigen „Ke garne?“ weg, was so viel heißt wie „Was soll man machen?”, und wahrscheinlich die meist gesprochene Floskel Nepals ist.

In Putali Chautara, einem kleinen Dorf im Nuwakot-Distrikt, in dem kein Haus mehr gerade steht, erklären uns die Bewohner, dass es ihnen doch gut geht. Niemand sei gestorben, weil fast alle auf dem Feld gearbeitet hatten. Nahrung gebe es, denn man lebt ja auch sonst von der eigenen Ernte. Vielleicht könnten wir helfen, ein paar verschüttete Kartoffelsäcke wieder auszubuddeln. Nach Wanderungen in umliegende Dörfer und Gesprächen mit Bewohnern kehren wir mit einer Namensliste und einem Auftrag für 60 Zelte und Isomatten nach Kathmandu zurück. Die Stadt fühlt sich schon wieder fast ganz normal an. Geschäfte und Banken sind geöffnet. Momo- und Samosa-Stände laufen auf Hochbetrieb. Der Verkehr ist chaotisch wie immer. Die Staus vielleicht ein bisschen kürzer, hinsichtlich der 1,2 Millionen Menschen, die zeitweise oder für immer das Kathmandu-Tal verlassen haben. Wären da nicht die Tempel, die dem Erdboden gleichgemacht wurden und die schmalen Gässchen der Altstadt, in denen Häuserwände von schräg herangestellten Stahlstäben und Holzbalken gestützt werden – man könnte fast vergessen, dass nur vor wenigen Wochen die ganze Stadt für mehrere Tage in Zeltlagern schlief und kein einziges Motorrad oder Auto auf den Straßen zu sehen war.

Nach drei Tagen fahren wir zurück nach Putali Chautara, beladen mit Zelten und Matten. Eigentlich wollten wir uns nicht lange aufhalten. Doch die Dorfbewohner hatten bereits ein Huhn für uns geschlachtet, Reis und die Linsen aufgesetzt. Ganz geschmiert lief es dann am Ende doch nicht, als es zu einigem Gezerre und Gezeter um die letzten Zelte kam. Auch die nepalesische Gelassenheit hat Grenzen.

Es wird noch Monate dauern, um das komplette Ausmaß des Erdbebens einschätzen zu können und Jahre, um die physischen und mentalen Schäden zu beheben. Aber ich bin positiv überrascht vom Tatendrang und Willen, etwas zu verändern, vieler vor allem junger Nepalis. Selbstorganisierte Teams junger Architekten, Ingenieure und freiwilliger Helfern zeigen eine andere Art von Ausdauer. Jeden Tag fahren sie stundenlang über Schotterpisten in abgelegene Dörfer, bauen temporäre Unterkünfte, um Familien vor dem herannahenden Monsun zu schützen und diskutieren zurück in Kathmandu über alternative, nachhaltige Hausbaumethoden. Viele sehen das Beben als Chance, überfällige Veränderungen herbeizuführen. Bei kaum einem Haus im Kathmandu-Tal, geschweige denn in abgelegenen Dörfern, wurde während des Baus auf die Erdbebensicherheit geachtet. Umweltfreundlichere und nachhaltigere Konzepte wie Earthbag-Häuser werden in anderen Ländern schon jahrelang praktiziert, haben in Nepal aber erst seit wenigen Wochen Aufmerksamkeit erregt. Die Zeit ist reif für Innovationen und grundlegende Veränderungen in Nepal und das Erdbeben war vielleicht nur der Tropfen auf dem heißen Stein, das junge Nepalis endlich aus ihrer Lethargie erwachen lässt.

Hanna Geschewskis Kampagne im Internet: gofundme.com/madhushouse und ihr Blog unter madhushouse.wordpress.com

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