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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. November 2017 | 13:06 Uhr

Pflege-Kosten : Eine Mutter kämpft für ihr Kind

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Als einstige Frühgeburt ist Vanessa chronisch krank – fällt ihre Mutter aus, muss ihre Betreuung langwierig vor Gericht geklärt werden

von
erstellt am 12.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Wenn Silke Mittelstädt krank wird, muss sie mit der Hilfe ihres Anwalts und meist vor Gericht erwirken, dass ihre Tochter Vanessa versorgt wird. Die 14-Jährige hat infolge dessen, dass sie fast vier Monate zu früh geboren wurde, mehrere chronische Erkrankungen. Größtes Problem: „Ihre Lungenfunktion liegt nur zwischen 28 und 43 Prozent“, sagt ihre Mutter. Sie muss betreut, gepflegt und medizinisch versorgt werden. „Zwischen Hansestadt und der Barmer GEK als Kranken- und Pflegekasse ist umstritten, wer welche Leistungen zu erbringen hat“, sagt Mittelstädts Rechtsanwalt Gabor Racz – wer was zahlen muss, wenn zum Beispiel eine Krankenschwester eingesetzt wird.


Stadt und Kassen streiten


Ausgetragen werde dieser Streit letztlich auf dem Rücken des schwer lungenkranken Mädchens. Er verzögert die Betreuung. Aufgrund der Dringlichkeit entschied das Sozialgericht im März, als Mittelstädt eine Grippe hatte, dass zunächst die Hansestadt für die Kosten aufkommen muss. Die wählte für Vanessa die Unterbringung in einer Wohngruppe. Die heimische Versorgung wäre fünf Mal teurer, erklärt Racz, da Vanessas Sauerstoffsättigung auch nachts überwacht werden muss. Nur nicht übernommen werden für die Zeit in der Gruppe Kosten für Wohnung und Essen, die zu Hause nicht anfallen würden. „Wenn sie Glück hat, übernimmt die das Hansejobcenter“, sagt Racz. Mittelstädt arbeitet nicht mehr, sie ist rund um die Uhr für ihre Tochter da. Am Tag kontrolliert sie stündlich den Sauerstoffwert in ihrem Blut über ein Pulsoximeter, einen kleinen Fingerklipp, nachts ernährt sie sie künstlich über eine Magensonde und steht zudem auf, wenn das Gerät, das die Sauerstoffsättigung überwacht, Alarm gibt, wenn die Versorgung nicht gut läuft. Acht Therapietermine hat Vanessa in der Woche, dazu kommen die Arztgänge. Vanessa hat eine starke Sehbehinderung, Niereninsuffizienz, eine Spastik, eine Hörbeeinträchtigung. Im geistigen Alter schwankt sie je nach Lebensbereich zwischen vier und neun Jahren. Vanessa wird immer Hilfe brauchen. Seit ihrer Geburt hatte ihre Mutter 13 Tage Urlaub – für die sie mit den Kassen gerungen hatte. „Von einer Krankenschwester erwarten wir nicht, dass sie 24 Stunden am Tag übernimmt – von pflegenden Angehörigen schon“, so Racz. Mit das Schlimmste ist der Papierkram für Mittelstädt, der genau dann anfällt, wenn ihr ohnehin die Kraft fehlt – wenn sie krank ist. „Es ist nervenaufreibend und verzögert auch.“ Sie hatte mehrere Bandscheibenvorfälle, eine kaputte Schulter, zuletzt eine schwere Grippe. „Ich traue mir dann nicht zu, die Sauerstofftherapie zu überwachen. Was ist, wenn ich versehentlich wegen der schweren Medikamente durchschlafe?“ Vanessas Körper kann bei einer falschen Einstellung erheblichen Schaden nehmen.


Ziel: Grundsätzliche Entscheidung


„Wir haben in drei Verfahren versucht, eine Grundsatzentscheidung zu erwirken“, sagt Racz – Zuständigkeiten für den Krankheitsfall zu klären. Das Hauptverfahren, in dem entschieden wird, wer die Kosten für die Krankenvertretung im März zahlen wird, könnte noch mehr als zwei Jahre auf sich warten lassen – und damit auch auf die Chance zur insgesamten Klärung. „Jeder beharrt darauf, dass der andere den Löwenanteil trägt“, sagt Racz. „Vanessa“, sagt er, „ist leider kein Einzelfall. Aber bei ihr ist es deswegen so dramatisch, weil sie eine alleinerziehende Mutter hat, die um jede Sache kämpfen muss“.

„Wir haben Verständnis für Frau Mittelstädt“, sagt Stadtsprecherin Kerstin Kanaa. In der Auseinandersetzung sehe die Stadt die Krankenkasse in der Verantwortung. Kanaa räumt ein: „Die Sachlage braucht dringend eine Lösung, an der wir derzeit gemeinsam arbeiten.“

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