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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. September 2017 | 10:51 Uhr

Eine Leichtathletik-Legende wird 90

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Horst Mann war 1956 in Melbourne als 400-Meter-Läufer der erster Nachkriegs-Teilnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern an Olympischen Spielen

von
erstellt am 08.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Eine Rostocker Leichtathletik-Legende begeht heute einen runden Geburtstag. Horst Mann, 1956
in Melbourne als 400-Meter-Läufer der gemeinsamen deutschen Mannschaft erster Nachkriegs-Starter Mecklenburg-Vorpommerns bei Olympischen Spielen, wird stolze 90 Jahre – herzlichen Glückwunsch und vor allem weiterhin eine stabile Gesundheit!

Mann, der noch heute mit seinen 1955 in Budapest über eine Stadionrunde gelaufenen 47,0 Sekunden in der ewigen Bestenliste von MV hinter dem Neubrandenburger Thomas Wilhelm (46,83 im Jahr 2003) Platz zwei einnimmt und sich mit dieser Zeit im Deutschland-Ranking 2016 trotz Aschen- und nicht Tartanbahn auf Position 16 wiedergefunden hätte, erinnert sich noch gut an den 28. November 1956 im Cricket Ground. Schließlich hat der Jubilar, der für die Olympischen Spiele vom damaligen Centrum-Warenhaus mit mehreren Farbfilmen ausgestattet wurde, in mehreren Beiträgen exklusiv aus Melbourne für die NNN berichtet, anschließend in mehreren Ordnern seine Lebens-, Sport- und Berufserinnerungen für die Nachfahren dokumentiert.


Stechender Schmerz in der rechten Wade


„Der Nürnberger Karl-Friedrich Haas, der vier Jahre zuvor in Helsinki mit der Staffel bereits Bronze holte, in Melbourne auch Fahnenträger war, und ich brauchten aufgrund unserer Vorleistungen nicht durch die Qualifikationsmühle, konnten uns in Ruhe auf Olympia vorbereiten. Mein Ziel war im Einzelrennen der 42 Starter aus 23 Nationen mindestens das Erreichen der Zwischenläufe. In der Viermal-400-Meter-Staffel wollten wir um Edelmetall mitlaufen“, sagt der Ex-Läufer des SC Empor, der am 8. Juli 1927 im zum preußischen Hinterpommern gehörenden Neustettin geboren wurde.

Es sollte aber ganz anders kommen: Punkt 15 Uhr begannen die Vorläufe über 400 Meter. Durch die Vielzahl der Meldungen waren acht Läufe angesetzt. Die Ränge eins bis drei reichten für das Viertelfinale. Horst Mann startete zum Schluss. Noch heute hat er die Bilder vor Augen: „Bahn zwei für mich. Wir kauern nieder, Start. Kaum aus den Löchern raus, will die rechte Ferse nicht richtig aufmachen, in der rechten Wade ein stechender Schmerz. Es dauert, bis ich in den Lauf hineinkomme. Bei 300 Meter liege ich an fünfter Stelle, will zum Erreichen von Position drei gerade zum Spurt ansetzen. Wie von einem scharfen Hammerschlag herrührend, durchfährt meine rechte Wade ein starker Schmerz. Auf dem linken Bein hüpfend werde ich von einem Kampfrichter auf dem Rasen aufgefangen.“ Achillessehnenriss – und aus der Traum von einer Medaille mit der Staffel, die nach Einzel-Silber für Haas ohne Mann später Vierte wurde.


Die Russen suchten nach dem Hintern aus


Das sportliche Talent des Jubilars wurde bereits in der Schule sichtbar. Allerdings zuerst auf der Mittelstrecke. Über 1500 Meter kam er auf 4:23 Minuten. Mit 17 Jahren dann Einberufung zur Wehrmacht. „Das Kriegsende habe ich in Berlin mitgemacht, wurde verwundet, kam im Rahmen der Gefangenschaft in ein russisches Lazarett, anschließend stand Arbeitslager an. Einen Splitter habe ich heute noch in mir“, so Horst Mann. Mit einem verschmitzten Lächeln beschreibt er das Prozedere vor dem Lageraufenthalt so: „Hosen runter, hieß es. Die Russen suchten nach der Rundung des Hinterns für das Arbeitslager aus. Hing er, waren das weinerliche Typen und ungeeignet. Südlich von Moskau, an der Oka, waren wir gefangen, mussten auch bei minus 20 Grad beim Brückenbau ran. Mit einem deutschen Arbeitersportler konnte ich aber auch trainieren. Der hat mir 1948, als die Spiele in London stattfanden, bereits prophezeit: ,Horst, wenn du so weiter machst, sehe ich dich perspektivisch auch dort.’“


Bronze und Gold bei der Ost-Universiade


Der Jenenser sollte Recht behalten. Nur: Aus dem Mittelstreckler wurde ein Sprinter mit dem Schwerpunkt 400 Meter. Der Greifswalder Dr. Manfred Bues, Sportwissenschaftler und 1938 mit Rudolf Harbig Staffel-Europameister, war sein Entdecker „auf einer Strecke, auf der man sich so richtig durchbeißen muss“. Später, zuerst bei Einheit und dann beim SC Empor Rostock, war Manfred Geißler sein Coach. Er führte ihn zu zwei Meistertiteln, 1954 zu Platz drei und 4x400-m-Gold bei den U.I.E.-Sportwochen, der Universiade des früheren Ostblocks, sowie als Laufbahn-Höhepunkt nach Melbourne.


Seit 10. Juli 1954 mit Margarete verheiratet


Parallel zum Sport hat der bereits in jungen Jahren technisch interessierte, erst 1949 aus der Gefangenschaft zurückkehrende Horst Mann viel für seine berufliche Entwicklung getan. Binnen eines halben Jahres holte er das
Abitur nach, lernte hier auch seine Frau Margarete kennen, eine später anerkannte Hautärztin* an der Rostocker Uni-Klinik, mit der er seit dem
10. Juli 1954 verheiratet ist.

Mann studierte Schiffbau, hängte noch ein zweites Studium ran (Maschinenbau). Der Diplom-Ingenieur war seit 1960 bis zu seiner Pensionierung 1990 Leiter der Schiffsrohrprojektierung und Konstruktion an der Warnemünder Warnowwerft. Ehemalige Mitstreiter sagen: „Der Horst war ein integerer Kollege, auch ein international anerkannter Fachmann, darüber hinaus Herausgeber und Mitautor mehrerer Fachbücher.“

Den Sport machte Horst Mann zum Hobby: „Stets mit dem Rad zur Arbeit, Skilaufen noch bis ins 85. Lebensjahr, bis zum letzten Jahr jährlich an die 4000 Kilometer auf dem Rad“, beschreibt er die Aktivitäten. Doch auch hier spielte, wie 1956, die Wade eine Rolle. Mann: „Kette abgerissen, die Wade stark in Mitleidenschaft gezogen, lange Heilungszeit. Jetzt drehe ich aber so langsam wieder meine ersten Runden.“

Er kann es nicht lassen, liebt den Sport, gab nach „Aufgabe des ohne Dopings durchgeführten Leistungssports“ sein Wissen als Übungsleiter weiter, hielt Dia-Vorträge und ist auch noch heute in Sachen Leichtathletik voll „am Ball“: „Ich würde mir wünschen, MV wieder weiter vorn zu sehen.“

* Auch Tochter Christiane und Enkelin ergriffen diesen Beruf

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