Lesung : Ein Rostocker Kapitän und seine Briefe von See

Aus seinen Briefen von See hat Kapitän Rainer Ritter ein interessantes Buch gemacht.
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Aus seinen Briefen von See hat Kapitän Rainer Ritter ein interessantes Buch gemacht.

Was ein Fahrensmann von Bord seinen Freunden in der Heimat schrieb.

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08. April 2015, 14:00 Uhr

Jeweils Ostersonntag um 14 Uhr trifft sich seit vielen Jahren eine Gruppe von Schulfreunden in der Klosterschenke des in der Oberlausitz gelegenen Städtchens Ostritz. Mit von der Partie war auch in diesem Jahr wieder der Rostocker Kapitän Rainer Ritter (70). Als Seemann konnte er zwar etliche Male diesen festen Termin nicht wahrnehmen, seine Freunde aber wussten, wo er gerade unterwegs war, konnten Anteil an seinen Erlebnissen nehmen. Er grüßte sie mit teilweise recht ausführlichen Briefen von See – sei es beispielsweise von Reede vor Jakarta, aus der Bucht von Osaka, vom Panamakanal oder aus San Francisco.


Mit Land und Leuten bekannt gemacht


Er schilderte Eindrücke von den Reisen rund um die Welt, veranschaulichte den Bordalltag mit einer internationalen Crew, aber machte auch mit Land und Leuten jener Häfen bekannt, die er mit seinem Schiff ansteuerte.

Briefe waren für Seeleute lange Zeit der günstigste Weg, den Kontakt zur Heimat nicht abreißen zu lassen. Erst mit der Entwicklung der Technik bis hin zum Mobilfunk wurde das einfacher. So bilden per Hand geschriebene Briefe, manchmal ländertypisch illustriert, ebenso den äußeren Rahmen wie nüchterne Schreibmaschinen-Seiten, Telex-Abrisse oder Computer-Ausdrucke.

Die herkömmlichen Briefe wurden in den Häfen zumeist über die Schiffsagenturen aufgegeben. Dabei reichte nach internationalen Postabkommen den Seeleuten auch die heimische Briefmarke. Als Rainer Ritter vor einigen Jahren in den Ruhestand ging, ermunterten ihn seine Freunde, diese Zeitdokumente über den Stammtisch hinaus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 66 Briefe waren im Freundes- und Familienkreis erhalten geblieben. In zwei Bänden des Hinstorff Verlages sind sie nachzulesen – zunächst im Band I aus den Jahren 1984 bis 2007. Ein zweites Buch soll im Herbst mit Blick bis 2011 noch folgen.

Dem Kapitän ist zu bescheinigen, dass er eine flotte Feder hat. Manches, so offenbart er, würde er heute ein wenig anders sehen, aber hinterher daran zu korrigieren, stand für ihn außer Frage. Das Spektrum der Briefinhalte ist breit gefächert. Da wird beispielsweise der philippinische Koch karikiert, dessen Kochkünste ihm regelmäßig Sodbrennen bescherten. Die Vorfreude des Seemanns auf seine neue Wohnung wird ebenso nacherlebbar wie sein Eintauchen in die Geschichte und Kultur fremder Länder. Dass er in einem Brief zu DDR-Zeiten schildert, dass ein Polit-Offizier im Suff eine Prügelei mit Matrosen anzettelt, ist seinerzeit durchaus mutig gewesen. Keiner wusste damals schließlich, wer noch mitliest und welche Auswirkungen solcherart Kritik auf die berufliche Karriere haben könnte.

Der Bordalltag wird ungeschminkt widergegeben, bis hin zum Fingerzeig auf die langen Wege auf einem großen Containerschiff, wo der Fahrstuhl aus Kostengründen eingespart war. Spannend ist die Schilderung einer Rettungsaktion, bei der ein Skipper einer Segelyacht geborgen wurde. Der hatte aber nur einen Bibliotheksausweis bei sich und die Geldkarte einer Bank, die kaum einer kannte. Die argwöhnische US-Coast-Guard mochte den schiffbrüchigen Amerikaner nicht übernehmen und erst in Japan wurde es dank guter Beziehungen des Kapitäns zu einer Schiffsagentur möglich, den Mann auf den Heimweg zu bringen.


Als Quereinsteiger zur DSR


Der Lausitzer ist als Seiteneinsteiger zur Deutschen Seerederei (DSR) gekommen. Als seine Bewerbung nach der Schule abgelehnt wurde, hatte er zunächst Dreher im VEB Maschinenbau Görlitz gelernt. In einer hier tätigen GST-Seesportgruppe ließ er seinen Traum, zur See zu fahren, aber nicht aus den Augen. Über den Umweg Volksmarine kam er 1967 zur DSR, wo er als Decksmann auf dem Tanker „Böhlen“ seine seemännische Laufbahn begann. Auf dem Schulschiff „Fichte“ qualifizierte er sich zum Matrosen und Vollmatrosen, studierte an der Ingenieurhochschule für Seefahrt Warnemünde, wurde 1973 Diplom-Ingenieur.

Nach verschiedenen Stationen und weiteren Qualifikationen erhielt er 1983 auf der „Georg Handtke“ sein erstes Kommando als Kapitän. Nach der Wende fuhr Ritter für DSR-Senator als Supercargo auf einem unter russischer Flagge fahrenden Vollcontainerschiff, ehe er mit der „DSR Pacific“ in Kiel einen der neuen 2700-TEU-Frachter im Rund-um-die-Welt-Dienst übernahm. Mit der Privatisierung der DSR war er von 1993 bis 2011 für eine Rostocker Reederei auf bis zu 4500 Boxen tragenden Containerfrachtern weltweit im Einsatz. Im Rostocker Verein der Kapitäne und Schiffsoffiziere ist er von Beginn an seit 25 Jahren dabei, wurde dessen erster Geschäftsführer und ist heute als Schatzmeister engagiert.

Bei Buchlesungen stellt sich der Kapitän nun als Schriftsteller vor: Am 11. April um 20 Uhr in der Kleinen Komödie und am 24. April um 17 Uhr an Bord der „Trelleborg“ im Stadthafen.

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