Die letzten Ruhestätten Rostocks : Ein Ort der Würde für die Kleinsten

Für betroffene Eltern ist das Grabfeld totgeborener Kinder ein Ort der stillen Trauer.
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Für betroffene Eltern ist das Grabfeld totgeborener Kinder ein Ort der stillen Trauer.

Der Westfriedhof mit seinen modernen Formen der Grabkultur

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11. Januar 2016, 12:00 Uhr

Sie gelten als mystische Orte und dienen bedeutenden Rostocker Persönlichkeiten als letzte Ruhestätte. In dieser Serie stellen die NNN die Friedhöfe der Hansestadt vor. Vom Ruheforst in der Rostocker Heide bis zum Neuen Friedhof in der Gartenstadt – Autor Willi Passig unternimmt einen Gang durch Rostocks stille Gärten.

Schließlich findet sich in Rostock als ein Beispiel neuerer Grabkultur der Westfriedhof mit Jüdischem Friedhof und Babygräbern. Weder durch hohe Hecken noch durch gusseiserne Umzäunungen wird der Blick über die Gräberreihen bei seinem Betreten gehindert. Unweit des Barnstorfer Ringes lässt das 1977 angelegte, 18 Hektar große Gräberfeld seine Entstehung nach einem gut durchdachten Plan erkennen. Wäre nicht die stilvolle Bepflanzung des gesamten Areals, würde dem Spaziergänger das Wort in den Sinn kommen: Im Tode sind wir alle gleich. Alle Kennzeichen vergangener Friedhofskultur wie Monumente oder figürliche Darstellungen fehlen. Dennoch lässt diese gewollte Einheitlichkeit keine Eintönigkeit aufkommen. Geschmackvoll angelegte Sitzecken laden zum Nachsinnen ein.

Wenn der Besucher sich die Zeit nimmt, kann er auch auf diesem noch relativ jungen Friedhof interessante, ja erstaunliche Entdeckungen machen. Da ist zunächst einmal, unmittelbar neben dem Haupteingang der kleine Jüdische Friedhof. Ein gusseisernes Eingangstor, versehen mit einem Davidsstern, lässt sich leicht öffnen. Es sind nur wenige Grabreihen, die der Besucher abschreiten kann. Hoch angebrachte Kameras beobachten jeden Schritt. Sie lassen nicht vergessen, dass Antisemitismus bis heute nicht einer unseligen Vergangenheit angehört.

Jetzt kommt das Feierhallengebäude in den Blick, ein großer Kubus, an dem außer der mächtigen Eingangstür nichts Betrachtenswertes zu entdecken ist. Von der Feierhalle führt der Weg geradezu auf die Aschestreuwiese. Seit 1985 ist diese oberirdische Bestattungsart in Rostock möglich. Während die Angehörigen am Rande der Wiese verweilen, wird die Totenasche von einem Friedhofsmitarbeiter würdevoll der Urne entnommen und breithändig ausgestreut. Eine etwas abseits stehende, lebensgroße, weibliche Gewandfigur des Barther Künstlers Karl Lemke verweist auf die Streuwiese. Sowohl die kleine jüdische Begräbnisstätte als auch die Aschestreuwiese verleihen dem Westfriedhof etwas Besonderes.

Schließlich wird der Besucher ergriffen vor dem Grabfeld verweilen, auf dem seit 2011 totgeborene Babys in Einzelgräbern bestattet werden. Kleinen Menschenkindern, für die keine gesetzliche Bestattungspflicht besteht, wird hier die Würde zugestanden, die ihnen gebührt. Inmitten des Grabfeldes befindet sich ein großer Findling, auf dem folgender Spruch eingemeißelt ist: „Trauer kann man nicht überwinden wie einen Feind. Trauer kann man nur verwandeln: den Schmerz in Hoffnung, die Hoffnung in tieferes Leben – dem totgeborenen Leben“. Jeder zweite Sonntag im Dezember ist der internationale Gedenktag für verstorbene Kinder. Auch in Rostock wird an diesem Tag eine kirchliche Feier an dieser Stätte angeboten. Kleine Spielzeuge, Puppen, Engel um den Gedenkstein herum bezeugen, dass betroffene Eltern auch an anderen Tagen diesen Ort besuchen.

Mit der Vorstellung des Westfriedhofes sind die Rundgänge über die Wunderwelt der stillen Gärten Rostocks beendet.

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