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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. November 2017 | 22:07 Uhr

Kirche : Ein Dorf für diesen güldenen Kelch

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Ein Erfurter hat das wertvolle liturgisches Gefäß aus Rostock restauriert.

Etwa 1000 historische Kelche gibt es laut Kirchenbaurat Karl-Heinz Schwarz in Mecklenburg. Ein ganz besonderer ist gerade vom Erfurter Experten Thomas Wurm restauriert worden. Für den gotischen Rostocker Abendmahlskelch aus Feingold und Sterlingsilber hätte im 15. Jahrhundert ein ganzes Dorf erworben werden können, verdeutlicht der Restaurator. Gestern übergab er das kostbare Stück an die Evangelisch-Lutherische Innenstadtgemeinde.

Der Kelch ist als einer von vielen liturgischen Stücken in der Sakristei der Nikolaikirche aufbewahrt worden, sagt Marcus Mannewitz vom Kuratorium der Nikolaikirche. Weil er so viele Schäden hatte, wurde er nur noch selten benutzt. Er war übersät mit kleinen Fraßlöchern vom säurehaltigen Wein aus den Jahrhunderten. Am Fuß waren Teile abgeplatzt, der Stiel marode und die Emaille-Platten verfärbt und beschädigt. Gerade sie machen den Kelch so besonders, einzigartig in Norddeutschland, sagt der Restaurator. Anders als ein kaputtes Kirchendach oder eine gerissene Glocke, stehen Abendsmahlsgeräte nicht im Fokus für Spenden und Fördergelder. „Aber das ist Kirche in ihrem Innersten“, befand Heiner Schumacher, Regionaldirektor der Evangelischen Kreditgenossenschaft, bei einem Gespräch mit dem Kirchenbaurat Schwarz. Die Genossenschaft spendete 3000 Euro. Und auch Wulf Kawan, Vorsitzender der Stiftung Kirchliches Bauen in Mecklenburg, sieht den Wert des Kelches. „Ein Kirchenbau besteht nicht nur aus Dach und Fenstern“, sagt er. Der Kelch verkörpere jahrhundertealte Traditionen, gelebten Glauben. Die Stiftung steuerte 3900 Euro bei. 800 Euro konnte das Kuratorium selbst aufbringen und so stand die Finanzierung. Im Januar begann der Restaurator mit seiner filigranen Arbeit. Vom Ergebnis sind die Kirchenmitglieder begeistert. Der Kelch soll nun aber nicht in der Sakristei verstauben, sondern genutzt werden, sagt der Pastor der Innenstadtgemeinde Tilmann Jeremias – erstmals am Pfingstsonntag zur Konfirmation 27 junger Menschen. Und auch andere neue Kelche sollen zu neuem Glanz finden. Als Nächstes arbeitet Wurm an einem aus Damshagen und einem aus Bützow. „Jedes Stück hat seine Geschichte“, sagt Wurm.

 

Historisches: Einmalig und kostbar



Die Vasa Sacra, das liturgische Gefäß, stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, wurde kurz vor der Reformation angefertigt, schätzt der Restaurator Thomas Wurm aufgrund seiner Merkmale. Der Kelch ist 20 Zentimeter hoch. An seinem Stiel befinden sich im Kranz acht Zeichen: die Buchstaben H-E-L-P-G-O-T und ein Tatzenkreuz. Seinen Fuß zieren acht Emailleplatten. Sie zeigen Maria, den Evangelisten Johannis und fünf Heilige – darunter Martin und Barbara. Es sei eine typisch norddeutsche Arbeit, aber eben eine sehr besondere, sagt der Restaurator. Der Kelch stammt sehr wahrscheinlich aus Rostock. Durch die Hanse habe es hier hervorragende Goldschmiede gegeben und der Kelch selbst sei sehr wertig – aus Sterlingsilber und Gold. Allein für 1000 Euro hat Thomas Wurm den Kelch wieder mit 20 Gramm Gold umhüllt, das ihn schützen soll. Mit zwei Kollegen hat Wurm 100 Stunden am Kelch gearbeitet – ihn demontiert, stabilisiert und die Außengestaltung mit alter Handwerkskunst originalgetreu wiederhergestellt, Kratzer beseitigt und sich der ursprünglichen Farbgebung angenähert.

 

 

 

 

 

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