Inklusion : „Eigentlich werden wir behindert“

Sich zurückziehen, an den Rand der Gesellschaft, kommt für Carsten Schersch nicht infrage. Im Gegenteil: Er setzt sich für mehr Barrierefreiheit ein – für sich und andere.
Sich zurückziehen, an den Rand der Gesellschaft, kommt für Carsten Schersch nicht infrage. Im Gegenteil: Er setzt sich für mehr Barrierefreiheit ein – für sich und andere.

Mit 50 Jahren wurde Carsten Schersch erwerbsunfähig. Jetzt kämpft er für seine Rechte und die Rechte der andere. Am 20. August ist er beim Aktionstag Mensch inklusive dabei.

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18. August 2016, 11:45 Uhr

Er lacht viel, ist provokant, selbstironisch, hat einen wachen Verstand. Carsten Schersch ist niemand, der sich an den Rand der Gesellschaft zurückzieht, weil er behindert ist. „Eigentlich werden wir behindert“, sagt der 58-Jährige aus Elmenhorst. Deswegen kämpft er gegen die alltäglichen Barrieren – für Parkplätze, abgesenkte Bordsteine, Rampen, für Teilhabe.


Rostock schneidet gut ab


Schersch sitzt im Rollstuhl. „2007 bin ich krank geworden – eine Anämie. Ich habe zu dickes Blut.“ Er wurde falsch behandelt, befand ein Gericht. Seinem rechten Bein half das nicht mehr. Während 15 Krankenhausaufenthalten wurden ihm das und der linke Fuß abgenommen. „Seit 2008 bin ich erwerbsunfähig.“ Nichts tun kam nicht in Frage. Früher ist Schersch als Vollmatrose Maschine zur See gefahren, kutschierte mit dem Bus Menschen in den Urlaub und von 2005 bis 2007 die Hansa-Profis. Jetzt arbeitet er drei Stunden am Tag – bei der Zentrale Autoglas in Schmarl. Erst ein paar Jahre vor seiner Krankheit waren seine Frau und er in ein Haus gezogen – eines mit Treppen, nicht barrierefrei. Für 6500 Euro ließ die Kasse die Dusche umrüsten, dass er in den ersten Stock muss, um sie zu benutzen, interessierte wenig. Den 12 500 Euro teuren Treppenlift finanzierte er fast allein. Dafür will die Kasse ein elektrisches Bein für 30 000 Euro nicht zurück, das er wegen einer Narbe nicht tragen kann. Sie wollen es erst, wenn er mal nicht mehr ist. Der EU-Rentner trat in den größten deutschen Sozialverband ein, den VdK, der sich für Ältere, Behinderte und Kranke einsetzt. Ihn vertritt Schersch auch im Rostocker Behindertenbeirat. Sein Thema: Öffentlicher Nahverkehr. „Und wir werden auch gehört“, sagt er. Mit Rostock ist er relativ zufrieden, es sei weltoffen. Die Tourismuszentrale ist barrierefrei, die Post, viele Geschäfte. Andere schieben das einfach von sich, beziehungsweise wie ein Mobilfunkanbieter, Mobilitätseingeschränkte in den nächsten Laden ab. Den Weihnachtsmarkt besucht Schersch höchst ungern – die Rücksicht ist gering, die Wege zu eng. „Ich will ja nicht, dass jeder die Straße frei macht, weil ich komme, aber wir müssen einbezogen werden“, sagt Schersch.


Behindertenparkplätze sind kein Luxus


Rostocks größtes Problem sei das Parken. Um auf einem Behindertenparkplatz zu stehen, braucht es einen europäischen Parkausweis für Behinderte. Aber egal, wer dort unrechtmäßig parke, abgeschleppt werde selten. „Ich weiß gar nicht, wovor die Angst haben“, sagt Schersch, „der Gesetzgeber erlaubt das.“ Für ihn ist ein Behindertenparkplatz kein Luxus, sondern notwendig. Er hat sein Auto umbauen lassen, steigt vom Rollstuhl auf den Fahrersitz, packt den Stuhl zusammen. Das braucht Platz. Der Norm nach muss ein Behindertenparkplatz 3,5 statt 2,5 Meter breit sein.

Wenn Behindertenparkplätze wie beim Gemeindezentrum Elmenhorst vergessen werden, ärgert Schersch das. Beim Bürgerbeauftragten des Landes fand er Hilfe. „Aber es kostet Steuergelder, wenn das nicht gleich richtig gebaut wird.“ Einen Behindertenbeauftragten lehne die Gemeinde ab. Also kämpft Schersch – für die Absenkung von Bordsteinen, die sonst die Menschen längere Wege kosten, die sie erschwert zurücklegen. „Die Gefahr ist, dass die Leute sich zurückziehen, weil sie nichts sagen wollen.“ Mittlerweile ist der 58-Jährige im Wählerbündnis Das Dorf. Am 20. August ist er beim Aktionstag Mensch inklusive auf dem Uniplatz. Ziel sei, den Leuten beizubringen, was Inklusion ist. „Wir wollen einfach nicht ausgeschlossen werden durch vermeidbare Barrieren“, sagt Carsten Schersch.

Der Aktionstag Mensch inklusive findet am 20. August auf dem Universitätsplatz statt. Das Programm: 15 Uhr Grußwort von Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke), 15.15 Uhr Gehörlosenchor Singende Hände, 15.45 Uhr Jerry C. Taylor: Country und Folkmusik, 16.15 Uhr Gesprächsrunde zum Bundesteilhabegesetz („Nicht mein Gesetz“), 17.15 Uhr Bauchtanzgruppe vom Luna Tanzatelier, 17.45 Uhr Rostocker Nordschwalben – Band der DRK-Werkstätten, 18.30 Uhr Nadeschda – Chor des Vereins Freunde der russischen Sprache

Außerdem: Kinderschminken, Rollstuhlparcours und Infostände, Gebärdendolmetscher

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