zur Navigation springen
Norddeutsche Neueste Nachrichten

23. November 2017 | 12:32 Uhr

Echolot verfeinert die Seevermessung

vom

svz.de von
erstellt am 14.Mär.2012 | 09:20 Uhr

Rostock | Mitte April vor 100 Jahren ereignet sich eine der größten Tragödien der Schifffahrtsgeschichte. Auf ihrer Jungfernfahrt nach New York sinkt nach einer Kollision mit einem Eisberg der Luxusliner "Titanic" und reißt 1500 Menschen mit in die Tiefe. Dieser dramatische Untergang trieb die Entwicklung der akustischen Tiefenmessung in den Meeren voran. Der im mecklenburgischen Sternberg geborene Physiker Alexander Behm (1880-1952) versuchte noch 1912 ein Ortungssystem zum Aufspüren von Eisbergen mit Hilfe reflektierender Schallwellen zu entwickeln, wurde praktisch der Vater des Echolots. Der Mecklenburger, zunächst in Wien wissenschaftlich tätig, meldete im September 1912 ein erstes Patent an, zog zu dessen Weiterentwicklung nach Kiel um, da ihm für seine Versuche die Wassertiefe der Donau nicht ausreichte. Für die Ortung von Eisbergen bewährte sich zwar seine Erfindung weniger, aber der Meeresboden konnte über Reflexionen der Schallwellen erfasst werden. Schon wenige Jahre später führten alle größeren Schiffe Echolote mit an Bord.

Quantensprung in der Technik

Ein Quantensprung war damit vollzogen. Bis dahin war die Meerestiefe per Hand ausgelotet worden oder später mit Hilfe von Lotmaschinen. Thomas Dehling, Referatsleiter Seevermessung und Geodäsie im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH), hat in seinem Rostocker Büro noch ein altes Handlot parat, mit dem früher die Wassertiefe ermittelt wurde. Das vier Kilo schwere Stück Eisen - ein kleines Loch war für Bodenproben ausgespart - wurde mit einer Leine seitlich vorausgeworfen, um beim Passieren des Schiffes dann die Wassertiefe an den Markierungen abzulesen. Das erforderte Geschick, blieb ungenau und die Lotungen waren auf etwa 20 Meter Wassertiefe beschränkt.

Spätere Tiefsee-Drahtlotungen waren auch nach der Entwicklung der Lotmaschinen aufwändig. Es dauerte oft lange, bis das Lot am Klaviersaitendraht am Grund angekommen war, und die Winden brauchten dann noch mehr Zeit, um es wieder heraufzuziehen. Währenddessen war das Schiff auf Position zu halten. Schon bei der ersten deutschen atlantischen Expedition hatte 1925 das Forschungsschiff "Meteor" neben herkömmlichen Lotmaschinen bereits hydroakustische Technik an Bord, so auch das Behmlot, das den großen Praxistest bestand.

"Damit hören wir die Tiefe", erklärt Dehling. Das Grundprinzip der Echolotung besteht darin, dass ein Schallimpuls ins Wasser gegeben und sein Echo an der Wasseroberfläche aufgefangen wird. Dieser Zeitraum wird gemessen. Die Wassertiefe ergibt sich aus der Wasserschallgeschwindigkeit - sie ist abhängig von der Temperatur und dem Salzgehalt des Wassers - und der gemessenen Laufzeit des Schallsignals.

Seit seiner Erfindung hat das Echolot eine rasante Entwicklung genommen, immer präzisere Messungen wurden möglich, die Aufzeichnungen der Daten verbessert, sodass mittels Echograf auch die Konturen des Meeresbodens als Profil darstellbar sind. Heute liefert ein Fächerlot bis zu 10 000 Tiefenwerte pro Sekunde. Diese Menge wird ein Problem, erfordert leistungsstarke Rechner und Programme, um die wichtigen Daten herauszufiltern.

Die Seevermessung durch die BSH-Schiffe erfolgt entweder mit Hilfe eines Vertikalecholots direkt unter dem Schiff oder mit einem Fächerlot, das bei der Arbeit aus dem Rumpf ausgefahren wird. Mit Hilfe des Fächerlotes werden nicht nur die Tiefe senkrecht unter dem Schiff, sondern auch eine Vielzahl von Tiefen seitlich erfasst. Damit kann der Meeresboden flächendeckend vermessen werden. Seitensicht- und Voraussonare helfen wiederum beim Aufspüren von Wracks und möglichen Unterwasserhindernissen. Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird die "Deneb" mit einem neuen Fächerlot ausgerüstet. Es soll eine höhere Auflösung haben und auch kleinere Elemente am Meeresboden erkennen.

"Deneb" vor Rügen und "Capella" vor Flensburg im Einsatz

Die "Deneb" ist zurzeit östlich von Rügen im Einsatz, um Daten für die westliche Ansteuerung Swinemündes zu liefern. Die "Capella", das zweite Rostocker Schiff, vermisst wiederum die Flensburger Förde. In der Nordsee ist ein Schwerpunkt die Jade, wofür ein Geländemodell erarbeitet wird. Alle Messdaten der BSH-Flotte fließen in Seekarten. Alle Sportbootkarten für 2012, so Dehling, wurden bereits vorfristig vor Ostern fertig.

Der Mecklenburger Alexander Behm, der vor 60 Jahren in Kiel starb, hat seine Erfindung in einem Labor von Dr. Hermann Anschütz-Kämpfe, dem Vater des Kreiselkompasses, bis zur Produktionsreife geführt. 1921 gründete er in Kiel die Behm-Echolot-Fabrik, die erst 1970 aufgelöst wurde. Dem international geachteten Physiker sind insgesamt 110 Patente zu verdanken, so auch ein künstlicher Angelköder, die so genannte Behmfliege. In seiner Geburtsstadt Sternberg wurde Behm 1930 Ehrenbürger, von der Universität Kiel erhielt er die Ehrendoktorwürde. In Tarp in Schleswig-Holstein, wo zuletzt sein Zuhause war, trägt ein Schulkomplex seinen Namen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen