Rostocker Ärztin für Kampfsportler : Dr. Anja Mehlhose, bitte in den Ring

Die Boxhandschuhe zog Ringärztin Dr. Anja Mehlhose nur fürs NNN-Foto an. Ansonsten schaut sie lieber zu und kümmert sich um die  medizinischen Belange. Foto: Juliane Hinz
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Die Boxhandschuhe zog Ringärztin Dr. Anja Mehlhose nur fürs NNN-Foto an. Ansonsten schaut sie lieber zu und kümmert sich um die medizinischen Belange. Foto: Juliane Hinz

Wenn sich Männer im Ring nach allen Regeln des Kampfsportes schlagen, dann sitzt Dr. Anja Mehlhose ganz vorn. Bei jedem Hieb und jedem Stoß weiß sie, welche Knochen, Blutgefäße und Organe gefährdet sind.

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18. Mai 2012, 11:18 Uhr

Rostock | Wenn sich zwei Männer im Ring nach allen Regeln des Kampfsportes schlagen und treten, dann sitzt Dr. Anja Mehlhose in der allerersten Reihe. Bei jedem Hieb und jedem Stoß weiß sie genau, welche Blutgefäße, welche Knochen und Organe gefährdet sind. Denn Anja Mehlhose ist Ärztin. Und wenn in Rostock Kickboxer aufeinandertreffen, um sich im fairen Streit zu messen, dann ist sie im Notfall sofort zur Stelle. Als Ringärztin behandelt Anja Mehlhose Platzwunden und Nasenbeinbrüche vor Ort, ordnet im Notfall die Fahrt ins Krankenhaus an und kann sogar einen Kampf abbrechen, wenn die Gesundheit der Sportler in einem Maß gefährdet ist, das nicht mehr vertreten werden kann.

Vor fünf oder sechs Jahren, so genau weiß sie es gar nicht mehr, hat die Medizinerin zum ersten Mal als Ringärztin einen Wettkampf begleitet. "Damals bin ich bei jedem Schlag zusammengezuckt. Man hat mir schon angesehen, dass mich das mitnimmt", erinnert sie sich. Am Ende, sagt sie, kann es aber so schlimm dann doch nicht gewesen sein: "Schließlich bin ich dabeigeblieben."

Seit 26 Jahren an Rostocks Uni-Klinikum angestellt

Normalerweise ist Dr. Anja Mehlhose als Anästhesistin an der Uni-Klinik im Einsatz. Sie setzt Narkosen, ist aber auch als Notärztin in Rostock unterwegs. In dieser Funktion sorgt sie dafür, dass Menschen geheilt werden, die unter Krankheiten, Schmerzen oder Verletzungen leiden. Dass sich im Boxring zwei Sportler bewusst der Gefahr aussetzen, verletzt zu werden, steht dazu natürlich im Widerspruch: "Aber das blende ich in diesem Moment aus. Sonst könnte ich diese Arbeit nicht machen", sagt Anja Mehlhose. Wichtig ist ihr, dass die Aktiven - sowohl Männer als auch Frauen und Kinder - Spaß beim Wettkampf haben. Sie will dafür sorgen, dass alles im vertretbaren Rahmen bleibt. Und schließlich sei ja fast jeder Sport mit einer gewissen Gefahr verbunden, sich zu verletzen: "Ich fahre beispielsweise Abfahrt-Ski. Auch das ist wegen der mitunter hohen Geschwindigkeit nicht ungefährlich." Als Ärztin sei ihr das Risiko ständig bewusst: "Man ist wohl anders aufmerksam."

Anja Mehlhose ist seit 26 Jahren am Rostocker Uni-Klinikum angestellt. Geboren und aufgewachsen ist die heute 50-Jährige im Harz, zum Studium ging es in die ehemalige Sowjetunion. Danach fing sie direkt in Rostock an zu arbeiten. Sie engagiert sich ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz im Katastrophenschutz, ist darum öfter bei Großveranstaltungen im Einsatz.

Über diesen Umweg kam sie auch zum Boxen. Ein Apotheker empfahl die Anästhesistin für die ein oder zwei Wettkampfveranstaltungen im Jahr. "Vorher hatte ich erst einen Kampf in der Stadthalle begleitet", sagt Anja Mehlhose. Vom Kickboxen wusste sie nur so viel: Das ist anders als das Boxen, das sie aus dem Fernsehen kannte.

Schon bevor der eigentliche Kampf beginnt, ist das Urteil der Ringärztin gefragt. Denn wenn die Boxer zum obligatorischen Wiegen antreten, dann wird auch ein medizinischer Check-up gemacht. "Ich muss bewerten, ob die Sportler kampftauglich sind oder ob ich sie aus medizinischen Gründen ausschließen muss", sagt Anja Mehlhose. Dazu misst sie den Blutdruck, hört die Lunge ab und führt ein kurzes Gespräch mit den Kickboxern. Ob es Vorerkrankungen gibt, Medikamente eingenommen werden und ob es in letzter Zeit irgendwelche Krankheiten oder Verletzungen gegeben hat - all das gilt es herauszufinden. Dabei ist die Medizinerin auch darauf angewiesen, dass die Sportler ehrlich sind. Denn eine Krankenakte gibt es nicht. Beispielsweise wird geklärt, ob der Antretende eventuell unter Asthma leidet. "Dann muss der Gegner sich damit einverstanden erklären, dass er sein Spray im Ernstfall vor und während des Wettkampfes benutzen darf", sagt Anja Mehlhose.

"Einige legen sich vorher sogar noch zum Schlafen hin"

Während dieses medizinischen Check-ups kommt die Ärztin mit den Sportlern ins Gespräch. Sie weiß: Auch wenn die Boxer sehr trainiert sind und mitunter richtige Hünen vor ihr stehen, im Inneren sind die meisten sensible Typen. "Die harte Seite des Kampfsports lassen sie nicht raushängen."

Gerade bei den Jüngeren spürt sie immer noch ganz deutlich, wie aufgeregt sie sind. Die Erfahreneren hingegen seien viel routinierter. "Einige legen sich vor dem Kampf sogar noch zum Schlafen hin - unglaublich, aber wahr." Im Ring sind sie dann trotzdem voll da. Wobei Anja Mehlhose immer wieder feststellt, dass es bei den Frauen rabiater zugeht: "Wenn man mal Größe und Gewicht im Verhältnis zu dem der Männer setzt, geht es bei den Frauen eigentlich mehr zur Sache. Sie entwickeln im Ring richtige Emotionen, fast so etwas wie Hass", sagt Anja Mehlhose.

Für sie selbst wäre das mit dem Boxen nichts, sie bleibt lieber Zuschauerin. "Mein Sohn kann nicht mal das nachvollziehen", sagt sie. Der 27-Jährige studiert Biologie und kann dem Kampfsport gar nichts abgewinnen. Anja Mehlhose zuckt mit den Schultern. Zusammen schwingen sie sich stattdessen lieber aufs Fahrrad. Tatsächlich geht es bei der Ringärztin im Privaten eher gelassen zu. Sie schwärmt für ihren Balkon und den kleinen Garten, den sie mit viel Liebe bewirtschaftet: "Ich habe beispielsweise die Physalis als Kübelpflanze für mich entdeckt. Die rankt wunderbar, und noch dazu kann man im Herbst die Früchte ernten." Im Herbst, wenn auch der nächste Wettkampf in der Arena des Allround Sport Gym ansteht und Dr. Anja Mehlhose wieder in der allerersten Reihe, direkt neben den Ringrichtern sitzt.

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