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Norddeutsche Neueste Nachrichten

19. Oktober 2017 | 13:13 Uhr

Volkstheater : Dirigentenstreit um die Philharmonie

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Der künftige Intendant will den Posten des Generalmusikdirektors vorerst unbesetzt lassen. Vor Mehrkosten und Qualitätsverlust warnt der jetzige Chefdirigent.

svz.de von
erstellt am 15.Jan.2014 | 10:00 Uhr

Rostock Generalmusikdirektor (GMD) Florian Krumpöck verlässt im Sommer das Rostocker Volkstheater. Diese Nachricht sorgt derzeit bei Klassikfreunden wie den Mitgliedern der Philharmonischen Gesellschaft für Aufregung. Denn der österreichische Pianist und Dirigent hat, seit er 2011 das Amt des GMD in Rostock übernahm, zahlreiche Konzertbesucher begeistert, die Norddeutsche Philharmonie mit viel Sinn und Kennerschaft auf einen guten Weg gebracht. Nun hat Florian Krumpöck das Angebot erhalten, sich fest an die Königliche Oper in Kopenhagen zu binden. Ein bedeutender Schritt in der Karriere des Musikers. Der Grund für seinen Weggang ist es nicht. „Es war nicht meine Entscheidung, nicht in Rostock zu bleiben. Ich hätte hier ursprünglich sehr gerne weiter gearbeitet.“

Allem Anschein nach haben sich zwischen dem Chefdirigenten und dem designierten Intendanten des Volkstheaters, Sewan Latchinian, Differenzen aufgetan, die zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbrückt werden können. „Ich habe überhaupt nichts gegen den Künstler und Dirigenten Florian Krumpöck – im Gegenteil. Aber gegen den Leiter“, sagt Sewan Latchinian. Als Gastdirigenten hätte er den scheidenden Orchesterleiter in Zukunft gern noch willkommen geheißen, vielleicht irgendwann auch wieder als GMD, erklärt der Theatermann mit Schauspielschwerpunkt. Derzeit sind die Fronten jedoch verhärtet. Die Stelle des GMD will Sewan Latchinian zunächst nicht besetzen, vielmehr Gastdirigenten einladen, die dann künftig vielleicht diese Position in Rostock einnehmen könnten.

Was ist passiert? Im Sommer gab es im Orchester eine Abstimmung darüber, ob der Vertrag von GMD Krumpöck verlängert werden sollte. „Es ist tarifvertraglich geregelt, dass wir dabei ein Mitspracherecht haben“, erklärt Martin Goffing, Kontrabassist und Mitglied im Orchestervorstand der Norddeutschen Philharmonie. Dabei sprachen sich die Musiker für eine weitere Zusammenarbeit mit Florian Krumpöck aus. Eine Entscheidung, die auch Sewan Latchinian mitgetragen hätte, wie er sagt. Jedoch unter geänderten Bedingungen. „Ich wünsche mir, dass der GMD mehr präsent ist in Rostock, gerade auch, weil ich die spartenübergreifende Zusammenarbeit im Volkstheater voranbringen will“, sagt der künftige Intendant.

Bei Florian Krumpöck habe er da einen Konflikt gesehen. Denn der renommierte Dirigent leitete bis vor Kurzem auch ein Orchester in Liechtenstein, ist zu vielen Gastdirigaten im In- und Ausland unterwegs. Sewan Latchinian bot Florian Krumpöck daher an, als ständiger Gast Konzerte der Philharmonie zu leiten, ohne den Titel GMD – ein Vertrag „ohne Entscheidungsbefugnisse und ohne Programmrechte“, wie Florian Krumpöck berichtet. Er lehnte ab.

Nun warnt der GMD vor den möglichen Folgen der Intendanten-Entscheidung. Da sei zum einen die künstlerische Seite: „Gastdirigenten bringen immer sehr viel Leben in einen musikalischen Betrieb – aber nur unter der Voraussetzung, dass es gleichzeitig eine konstante Führung gibt“, sagt der GMD. „Wer könnte sich eine Fußballmannschaft mit wöchentlich wechselnden Gasttrainern vorstellen?“ Außerdem befürchtet er massive Mehrkosten: „Diese lassen sich leicht aus den branchenüblichen Gagensätzen multipliziert mit der durchschnittlichen Anzahl an Dirigaten pro Spielzeit sowie der zusätzlichen Besetzung eines Musiktheaterchefdramaturgen errechnen.“ Auch die Aufgaben des Operndirektors und weitere Dirigate, die bislang der scheidende Intendant Peter Leonard übernahm, müssten kompensiert werden.

Als Musiktheaterchefdramaturg soll Michael Mund zumindest konzeptionell diese Lücke schließen – in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern am Haus. Eine steile Hierarchie möchte Sewan Latchinian künftig nicht mehr. Er verteidigt seine Entscheidung: „Der Kaufmännische Geschäftsführer und ich haben das sehr genau durchgerechnet.“

Aufsichtsratschefin Eva-Maria Kröger (Linke) verspricht, dass das Kontrollgremium die aktuellen Vorgänge zumindest auf ihre Wirtschaftlichkeit hin genau hinterfragen wird. „In Sachen Personalentscheidung sind uns allerdings die Hände gebunden. Das fällt unter die künstlerische Freiheit des Intendanten.“ Auf der morgigen Sitzung des Aufsichtsrates werden Sewan Latchinian und Stefan Rosinski Stellung zur Causa Krumpöck beziehen. Danach wissen Rostocks Klassikfreunde, darunter rund 700 Abonnenten der Philharmonischen Konzerte, mehr.

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