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Norddeutsche Neueste Nachrichten

22. August 2017 | 07:29 Uhr

Wissenschaft : Die Stoltera war sein Naturlabor

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Für Rostock wurde der Geologe Prof. Eugen Geinitz zum Glücksfall. Leipziger untersucht Erscheinungen der Küstenabbrüche .

Wann mag es passiert sein? Keiner weiß es genau. Weder Geologen noch Persönlichkeiten anderer Disziplinen der Naturwissenschaften, auch nicht Historiker, die sich Wissenschaftsgeschichte widmen. Es gibt keinen Beleg, in welchem Jahr der gewaltige vier Tonnen schwere Felsen im heutigen Naturschutzgebiet Stolera bei Warnemünde aus der Abbruchkante einer bis zu 15 Meter hohen Steilküste auf den Strand gefallen ist. Der Verlust einer detailgetreuen Angabe ist wohl selbst für Forscher und Naturfreunde unserer Zeit hinnehmbar.

Wir wissen, da liegt vor unseren Augen – übrigens auch als hervorragender Orientierungspunkt für Küstenwanderer oder Brandungsangler – ein Gedenkstein. Wir wissen, dass der unvorstellbar alte Fels an den Pionier der Geologie Mecklenburgs, Professor Eugen Geinitz (Dresden, 1854 - Rostock, 1925) erinnert und das schon seit 1930 unterhalb der immer wieder sich atemberaubend, teils auch gefährlich wandelnden Steilküste am heutigen Geinitzort beim Geinitzweg. Eindrucksvoll von mehreren Autoren belegt ist, dass der herausragende Wissenschaftler auf den Gebieten der Mineralogie und Geologie, den Fels noch 1887 als einen Messpunkt nutzte, als der noch mit den Strukturen der Kliffwand fest verbunden schien. Eugen Geinitz reifte in den 47 Jahren seines Wirkens in der Seestadt Rostock nicht nur zu einer national und international hochgeachteten Persönlichkeit der Wissenschaft seines Fachgebiets. Der weltläufige Mann – auch davon wird in einem weiteren Beitrag noch zu erzählen sein – wurde ab 1878 zum außerordentlichen Glücksfall für unsere Universität, für die zu seiner Zeit erheblich aufstrebende Stadt, für Mecklenburg und, es sei ein wenig vorweggenommen aber schon betont, auch für die damalige Wirtschaft, Landwirtschaft sowie auch für kommunale Arbeit und Vorsorge. Geinitz wandte sich als erster Geologe den Ursachen, Tatsachen, Gefahren sowie anderen von ihm stets komplex erfassten Erscheinungen der Küstenabbrüche an der Ostseeküste Mecklenburgs zu. Von allen weit liegenden Küstenbereichen, die der Forscher Geinitz auch im Wechsel der Jahreszeiten oft nur schwer erreichen konnte – wenn wir uns die Verkehrsbedingungen vor weit über 130 Jahren nur mal ein wenig vorstellen – fühlte er sich mit dem Warnemünder Stoltera-Gebiet besonders verbunden.

Das lag nicht allein an der neuen Heimat, die für den jungen Mann aus Sachsen, den ehemaligen Studenten und wissenschaftlichen Assistenten zu Leipzig und Göttigen „eine lebenslange Liebe“ wurde. Die sich oft selbst zum Erstaunen der Fachleute zwischen zwei Wintern rasant verändernde Landschaftsstruktur wurde das Naturlabor von Eugen Geinitz. 1884 hatte er „die erste wissenschaftliche Studie über das Uferprofil vorgelegt“. Wenn das Hochwasser kam, gar eine Sturmflut, wenn der Strand und die Steilküste von der zur Zerstörung entschlossenen Natur aus dem zwanghaften Kriegszustand entlassen wurden, dann, so Chronisten seiner Zeit, hielt den Professor nichts mehr in seiner bescheiden eingerichteten Residenz im Hauptgebäude der Universität am damaligen Blücherplatz. Der Forscher Eugen Geinitz musste dahin, wo es nun mehr zu erforschen gab, als in einem Institut.




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