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Norddeutsche Neueste Nachrichten

21. September 2017 | 00:02 Uhr

Die letzte Reise der "Georg Büchner"

vom

svz.de von
erstellt am 03.Jun.2013 | 08:01 Uhr

Rostock | Am Dienstag, 7.30 Uhr, soll die "Georg Büchner" den Stadthafen verlassen. Doch Siegfried Kempe ist schon lange vorher da. "Ist ja ein historischer Moment heute", sagt der Kapitän der Bugsier-, Reederei- und Bergungs-Gesellschaft und schnallt seinen Rucksack auf. "Am 15. Juli 1971 bin ich als Lehrling zum ersten Mal auf das Schiff aufgestiegen. Und jetzt werde ich wahrscheinlich einer der Letzten auf dem Schiff sein." Er lächelt und schüttelt dabei ein wenig den Kopf.

Vor und hinter der "Büchner" liegen die Schlepper "Ajaks" und "Axel". Auf der Warnow kommen Kempes Kollegen mit der "Bugsier 16". Zu dritt sollen die Schlepper die "Büchner" aus dem Hafen bringen, der alten Dame auf ihre letzte Reise in Richtung Klaipeda helfen. Dort wird sie aller Voraussicht nach verschrottet.

Auf der "Bugsier 16" hat Norbert Gottschalch das Kommando. "Ich mache heute nur ein bisschen Runnercrew", sagt Kapitän Kempe. Runnercrew, das heißt: die Leinen festmachen, dem Lotsen auf der manövrierunfähigen "Büchner" zur Seite stehen, per Funk den Kontakt zu den Kollegen auf den Schleppern halten. Für Kempe heißt das aber auch: Ein letztes Mal über die Schiffsplanken gehen, noch einen Blick in die alten Mann schaftsräume, die Messe und auf die Brücke werfen.

Die Kaikante ist voller Schaulustiger, als Hafenkapitän Gisbert Ruhnke die letzte Leine löst. Mittlerweile ist es fast 9 Uhr. "Der polnische Schlepper ,Ajaks’ war doch nicht wendig genug, um vor das Schiff zu gehen. Also mussten wir übernehmen", sagt Gottschalch. Dann setzt er die "Bugsier 16" in Bewegung. Die Kette zieht sich straff. Ein Typhon bläst, zwei weitere antworten. Das Funkgerät knistert: "So meine Herren. Wir starten jetzt die letzte Reise der ,Georg Büchner’ in Deutschland." Vom Deck der "Büchner" schauen Kempe, sein Kollege André Starck und der Lotse Manfred Schwarz herüber. Mit 2,5 Knoten bewegt sich der Schleppverband die Warnow hinab. "Wir können mit unserem Schiff ziemlich genau arbeiten. Trotzdem ist das eine enge Kiste heute", sagt Gottschalch.

Kompliziert wird es in Höhe des Anlegers der Blauen Flotte in Gehlsdorf. An beiden Ufern stehen Menschen und beobachten das Manöver. Als die Schlepper die mehr als 5000 Tonnen schwere "Büchner" am Engpass vorbeigezirkelt haben, lässt die Anspannung langsam nach. Über Funk ist kurz darauf Gelächter zu hören: "Guckt mal durchs Glas, wen ich hier gefunden habe." Siegfried Kempe hält ein Bild von Walter Ulbricht an ein Fenster. Jetzt ist klar: Die Arbeit der Rostocker Schlepperbesatzung ist so gut wie zu Ende.

Im Breitling übernimmt der polnische Schlepper "Ajaks". Er zieht die "Georg Büchner" ab jetzt allein weiter. Das Schiff ist längst auf der Ostsee, als Kempe seine letzten Fotos macht. Dann wirft er das Notschleppseil übers Heck und macht sich bereit, von Bord zu gehen. Über die Lotsenleiter klettert er hinab auf die "Bugsier 16". "Jetzt gehe ich tatsächlich als letzter deutscher Seemann hier von Bord. Das hätte ich niemals gedacht." Der Kapitän lacht.

Später, als er bei Norbert Gottschalch auf der Brücke des Schleppers sitzt, schaut er ernst. "Das war ein Abenteuer, aber es war auch ein trauriges Erlebnis." Kempe beschreibt, was er an Bord als Letztes sah: Müll, herausgerissene Schilder, eine ausgeschlachtete Brücke. "Ein Trauerspiel", sagt er und schaut noch einmal auf die nebelige Ostsee, wo das Schiff schon verschwunden ist.

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