Erinnerung : „Die Krise kam nicht von ungefähr“

„Die Freiheit ist anspruchsvoller als die Unfreiheit“, so Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke).
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„Die Freiheit ist anspruchsvoller als die Unfreiheit“, so Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke).

Rostocks Übergangs-OB Christoph Kleemann verschafft den Teilnehmern der Bürgerschafts-Festveranstaltung persönliche Einblicke.

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11. November 2014, 12:00 Uhr

Es sind fremdbestimmte Lebensläufe wie der von Christoph Kleemann, die die aufgestaute Wut Tausender Rostocker im Herbst 1989 verstehen helfen. Auf der Festveranstaltung der Bürgerschaft zu 25 Jahren Mauerfall gestern im Rathaus nahm Rostocks erster Nicht-SED-Oberbürgermeister seine Zuhörer mit auf eine persönliche Reise.

Und die beginnt im kirchlich geprägten Elternhaus, das bald nach Gründung der DDR als staatsfeindlich angesehen wurde. Kleemanns Vater war in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv – aus SED-Sicht unliebsame Konkurrenz. „Mein Vater wurde zum Staatsfeind, der er nicht war“, sagt Kleemann. Für ihn und seine Geschwister hatte das genaue Anweisungen der Eltern zur Folge, wie sie sich bei einer Hausdurchsuchung verhalten sollten. „Mit acht Jahren zu wissen, dass man sich mit einem Satz um Kopf und Kragen reden kann, hat uns alle geprägt“, so Kleemann.

Andere Kirchenangehörige wurden über Nacht verhaftet. Sein Lehrer machte seine Konfession lächerlich, Micky Maus-Hefte von Klassenfahrten in den Westen wurden als Feindpropaganda einkassiert und seine Schwester durfte trotz Einser-Schnitt nicht studieren. Bekannte setzten sich in den Westen ab. „Das Gros sehnte sich einfach nach mehr Freiheit“, so Kleemann. Er selbst wollte Zoologie oder Architektur studieren, wurde aber 1962 zum Theologiestudium in Rostock verpflichtet.

1968 folgen die enttäuschten Hoffnungen des Prager Frühlings. „Auch bei uns schlug der Unmut in Wut um. Die nach draußen gingen wurden von der Stasi aufgegriffen und mit langen Haftstrafen belegt.“ Doch erst später begreift Kleemann das ganze Ausmaß der Unzufriedenheit so vieler Bürger. Als Rostocker Studentenpfarrer ist er von Stasi-Spitzeln umgeben, in seiner Wohnung wird eine Wanze installiert, wie er später aus den Akten erfährt. Seinen Söhnen werden Studium und Arbeitsstellen verwehrt.

Kleemann ist kein Einzelschicksal. „Die Krise von ’89 kam nicht von ungefähr“, sagt er. Und das gelte auch für die Wiedervereinigung, die zwar nicht das anfängliche Ziel gewesen sei, aber bei der freien Volkskammerwahl im Mai 1990 habe sich das Volk für diesen Richtungswechsel entschieden. Mit recht, so Kleemann: „Was wir gewonnen haben steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir verloren haben.“

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