Fangquoten : Die Hüter der Ostsee-Fische(r)

„Wir nehmen die Ostsee gerne als Reagenzglas“, sagt Christopher Zimmermann.
„Wir nehmen die Ostsee gerne als Reagenzglas“, sagt Christopher Zimmermann.

Die Wissenschaftler des Thünen-Instituts beeinflussen mit ihren Empfehlungen die Fangquoten der EU.

von
23. Juli 2014, 11:00 Uhr

„Das Meer unberührt zu lassen – das ist definitiv nicht unsere Aufgabe“, sagt Dr. Christopher Zimmermann, Chef des Thünen-Instituts für Ostseefischerei. Er und seine insgesamt 60 Mitarbeiter im Rostocker Fischereihafen erforschen, wie der Mensch die Meeresressourcen möglichst nachhaltig nutzen kann. Auf ihre Empfehlungen greift die EU zurück, um die Fangquoten von Dorsch, Hering oder Sprotte festzulegen.

Dabei ecken die Forscher mit ihren Ergebnissen schnell mal an. Nicht nur bei den Fischern, die sich darüber beschweren, dass die Wissenschaftler bewusst an den falschen Stellen ihre Netze auswerfen würden, nur um angeblich sinkende Bestände nachzuweisen. Sondern auch bei der nationalen und internationalen Politik. Denn die lasse sich bei ihren Entscheidungen zum Teil noch immer von bevorstehenden Wahlen treiben, so Zimmermann.

Statt die Fangquoten wie benötigt anzupassen, gebe es dann Zugeständnisse an die heimischen Fischer. In Folgejahren führe diese Politik dann aber zu drastischen Einschnitten. Die Lösung seien langfristige Fangquoten, die sich unabhängig von Wahlergebnissen moderat ändern, so Zimmermann: „Fast alle Bestände, für die wir langfristige Bewirtschaftungspläne haben, erholen sich.“ Und auch die Fischer hätten so mehr Planungssicherheit, etwa für Investitionen in ihre Kutter. Komplett gelöst wäre das Streitthema Fangquoten aber auch mit diesen langfristigen Plänen nicht. Deutsche und Polen beispielsweise wollen möglichst viel Dorsch fangen. Der frisst aber Sprotten – und auf die sind die Schweden mit ihrer hoch entwickelten Fischmehlproduktion besonders scharf. Welchen Fisch soll die EU nun schützen? „Da muss es eine politische Entscheidung geben und keine biologische“, sagt der Forscher. „Wir sind tatsächlich in der Lage, das Ökosystem einzustellen.“ Denn die Ostsee stelle als Brackwassermeer ein relativ einfaches Gebilde dar – nur wenige Arten kommen mit dem unterschiedlichen Salzgehalt klar. Und auch die Zahl der Küsten- und Hochseefischer aus den neun Anrainernationen sei überschaubar. Zum Vergleich: Auf der Nordsee sind Fischer aus 16 Ländern unterwegs. „Wir nehmen die Ostsee gerne als Reagenzglas“, so Zimmermann.

Derzeit bereiten den Forschern sowohl die Dorsche in der östlichen als auch in der westlichen Ostsee leichte Kopfschmerzen. Im Osten habe das individuelle Wachstum stark nachgelassen, im Westen sei die Entnahme durch den Menschen zu hoch, sagt der Institutschef. Allerdings führe ein Zuständigkeitsgerangel zwischen dem Europäischen Rat – bis zum Abschluss des Lissabon-Vertrags allein für die Festsetzung der Quoten verantwortlich – und dem EU-Parlament dazu, dass die zulässige Fangmenge seit drei Jahren nicht reduziert werde. Und das, obwohl beide Akteure die Anpassung als richtigen Weg einstufen.

Dennoch gelte, so Zimmermann: „Es gibt keine Möglichkeit, dass wir den Kabeljau an den Rand des Aussterbens bringen könnten. Es gibt sogar mehr als vor 50 Jahren.“ Horrorszenarien und Pauschalverurteilungen, wie Umweltorganisationen sie gerne zeichneten, seien irreführend. „Das Meer ist ein Wirtschaftsraum und es ist eine naive Vorstellung, es so zu lassen, wie es ist“, sagt Zimmermann. Zumal die Produktion dort wirklich nachhaltig sei.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen