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22. Oktober 2017 | 21:26 Uhr

Die Helfer müssen viel wegstecken

vom

svz.de von
erstellt am 11.Apr.2011 | 06:59 Uhr

Waldeck | Sie lassen das Elend nicht an sich heran. Die Pkw- und Lkw-Schlosser von Abschlepp-Harry konzentrieren sich auf ihre Arbeit und blenden die Schreckensbilder von den Auto-Insassen aus, die die Massenkarambolage auf der A19 nicht überlebt haben. "Wenn wir den Auftrag erhalten, die Straße freizuräumen, machen wir zuverlässig unsere Arbeit", sagt Frank Frieberg, Fuhrparkleiter des Abschleppdienstes. Auch wenn er und seine Kollegen ein so großes Chaos noch nie erlebt haben, bleiben sie professionell. "Das müssen wir einfach wegstecken", meint Lkw-Schlosser Roland Kell (39).

Erste Informationen zu dem Massenunfall bekam Frieberg am Freitag von der Autobahnmeisterei Kavelstorf. "Die Kollegen haben uns gesagt, wir sollen unsere Technik bereithalten", sagt er. Damit der Schleppdienst im Extremfall größtmögliches Gerät auffahren kann, hat der Fuhrparkleiter dafür gesorgt, dass alle Mitarbeiter und Bergungsfahrzeuge schnell nach Waldeck gebracht werden: "So waren wir für den schlimmsten Fall gerüstet." Und der trat dann tatsächlich ein.

Mit zwölf Autotransportern, Kranwagen, Lkw-Bergungsfahrzeugen und Pickups machten sich die Abschlepper auf zum Unfallort. Auf der A 19 angekommen bot sich den 20 Einsatzkräften ein grausiges Bild. Autos waren ineinander geschoben und Laster brannten lichterloh. "Es war das reinste Elend", sagt Frieberg. Außerdem kam hinzu, dass der Sandsturm den Helfern die Sicht versperrte: "Wir mussten unseren Leuten Schutzbrillen geben, damit sie überhaupt arbeiten können."

Nachdem die Polizei dem Team einen Platz zugewiesen hatte, machten sich die Einsatzkräfte an die Arbeit. "Zuerst hat die Polizei die Fahrzeuge dokumentiert und anschließend für den Abtransport freigegeben", so Frieberg. Er war mit seinen 20 Mann für die Fahrbahn in Richtung Berlin zuständig: "Dort war nicht ganz so großes Chaos, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite." Trotzdem waren die Abschlepper bis Sonnabendmittag durchgehend im Einsatz. "Die Autos waren zum Teil so stark ineinander verkeilt, dass wir sie förmlich auseinander ziehen mussten", so der Fuhrparkleiter. Mit Kranwagen und Gabelstaplern befreiten sie die ineinander gerasten Autos, um sie abtransportieren zu können. "Immer wieder kamen uns verletzte Leute entgegen, die zu einer mobilen Krankenstation auf dem Rastplatz gelaufen sind", ergänzt er. Gedanken darüber, was die Menschen wohl erlebt und gesehen haben mochten, ließ Frieberg nicht an sich heran: "Es ist grausam, aber wir konzentrieren uns auf unsere Aufgabe, es muss schließlich weitergehen." Auch Lkw-Schlosser Ronald Kell verdrängt die Emotionen. "Die Arbeit geht vor", sagt er. Je nach mentaler Belastbarkeit wurden die Kollegen in unterschiedliche Bereiche eingeteilt. "Diejenigen, die etwas härter sind und mehr abkönnen, lösen die größeren Probleme, da achten wir schon drauf", betont der Fuhrparkleiter.

Die ganze Nacht räumten die Einsatzkräfte rund 60 Fahrzeuge, darunter vier Lastwagen von der Straße und brachten sie auf das Firmengelände. "Dort werden sie so lange sichergestellt, bis die Untersuchungen der Kriminalpolizei und der Schaden mit der Versicherung geklärt sind", so Frieberg. Erst am Sonnabendmittag konnten die Abschlepper Aufatmen. Das gröbste war erledigt. "Irgendwann hat uns die Müdigkeit übermannt", sagt er. Nach einer Dusche und zwei Stunden Schlaf ging es jedoch weiter. Den letzten Laster transportierten sie am Sonntagmittag ab, da die Feuerwehr die Arbeit an dem brennenden Lkw erst nach zwei Tagen abschließen konnte. Nachdem die Autobahn am Sonntag wieder freigegeben wurde, ist bei Abschlepp-Harry der Normalbetrieb wieder eingekehrt.

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