Volkstheater : Die fünf Rotstift-Szenarien

Im schlimmsten Fall müsste mehr als ein Drittel der Mitarbeiter gehen.
Im schlimmsten Fall müsste mehr als ein Drittel der Mitarbeiter gehen.

Gutachten zeigt mögliche Strukturmodelle für die Bühne, warnt aber auch vor den Folgen für das kulturelle Leben in Rostock

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22. März 2014, 06:00 Uhr

Es gibt ein neues Gutachten, das für die Zukunft des Rostocker Volkstheaters die richtige Richtung weisen soll. Die Hansestadt hat es bei der Münchner Beraterfirma Actori in Auftrag gegeben. Nun liegt das Papier vor – mehrere hundert Seiten im Gesamtumfang, eine Kurzfassung ist den Mitgliedern der Bürgerschaft zugegangen. Eva-Maria Kröger, Fraktionsvorsitzende der Linken und Aufsichtsratsvorsitzende der Theater-GmbH, reicht das nicht. Alle sollten das gesamte Gutachten kennen, denn: „Mich beruhigt, mit welch hoher Qualität hier das Theater durchleuchtet wurde.“ Für sie zeige die Analyse deutlich, „dass das Theater als Betrieb so ausgequetscht ist, dass man sich nicht wundern muss, wenn es an allen Ecken knarrt.“

Actori erhielt im Juni 2013 von der Stadt den Auftrag, den Status quo am Volkstheater zu analysieren und anhand von fünf Strukturmodellen mögliche Zukunftsszenarien durchzuspielen. Die fünf Modelle: Beibehalten des Status quo, Schließung der Tanzsparte, Schließung der Tanz- und Musiktheatersparte, Tarifabstufung sowie Verkleinerung des Orchesters und schließlich die Ausgliederung des Orchesters in eine separate Rechtsform. Letzteres verwarfen die Berater sofort, weil sich daraus keine Einspareffekte ergaben. Alle anderen Szenarien wurden durchgerechnet. Das Ergebnis: Positive wirtschaftliche Ergebnisse würden allein die Herabstufung der Norddeutschen Philharmonie (1,2 bis 2,4 Millionen Euro) oder die Schließung sowohl der Tanzabteilung als auch des Musiktheaters (3,5 bis 3,8 Millionen) bringen. An diesem Punkt hört Actori jedoch nicht auf. Den wirtschaftlichen Effekten stellen sie die nicht-monetären entgegen. Welche Auswirkung hätten diese Einschnitte auf das kulturelle Leben Rostocks? „Man muss ins Verhältnis setzen, was bei solchen Maßnahmen gewonnen wird und was verloren“, sagt Theater-Geschäftsführer Stefan Rosinski. „Und dieses Verhältnis ist völlig disproportional.“ Neben dem Wegfall zahlreicher Vorstellungen und eines großen Teils des kulturellen Angebots würden darüber hinaus Kündigungen ausgesprochen. Im schlimmsten Fall müssten mehr als 30 Prozent der Theatermitarbeiter gehen. Auch die rechtliche Umsetzbarkeit sei nicht ohne Weiteres gegeben, sagt Rosinski. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) hatte nach Veröffentlichung des Actori-Gutachtens direkt erklärt, dass eine Tarifherabstufung des Orchesters mit ihr nicht zu machen sei.

Hoffnungen setzt Rosinski nach wie vor auf einen möglichen Haustarif zwischen Theater und Orchester. Für diesen gibt es eine Deadline. Bis Juli müssen die Verhandlungen abgeschlossen sein. DOV-Delegierter und Orchestervorstand Martin Goffing erklärt: „Das Theater schuldet uns eine Menge Geld.“ Nachzahlungen stehen aus, deren erste Rate laut Goffing im April fällig wird. „Wir erwarten, dass unser Geld kommt.“ Inwiefern ein Haustarif darüber hinaus die ausstehende Tariferhöhung regeln könne, müsse verhandelt werden. Zunächst laufen dazu Hintergrundgespräche, wie auch Rosinski bestätigt. DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens erklärt: „Wenn die Hansestadt ihren Sparkurs zu Lasten der Beschäftigten fortsetzt, könnte das für den neuen Intendanten und sein Team im Herbst einen heißen Spielzeitbeginn geben.“

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