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Norddeutsche Neueste Nachrichten

19. September 2017 | 17:23 Uhr

Rostock : Der Untergang bleibt ein Rätsel

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Heute vor einem Jahr versank die „Georg Büchner“ auf ihrem Weg zum Abwracker. Insolvenzverwalter zahlt Rostock 90 000 Euro aus.

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2014 | 08:00 Uhr

Am Ende gab das Seeamt in Gdynia unter der Nummer 089 noch eine Navigationswarnung heraus. Aus dem Kolonialfrachter und ehemaligen DSR-Ausbildungsschiff „Georg Büchner“ war da ein gefährliches Wrack geworden – gesunken im flachen Wasser der Ostsee, 8,6 Meilen vor der polnischen Küste. Dort liegt die „Büchner“ noch immer und die Ursache ihres Untergangs ist weiter ungeklärt. War es Versicherungsbetrug oder einfach ein Unglück? Welche Rolle spielte die leichte Schlagseite, die das Schiff schon beim Verlassen des Rostocker Hafens hatte? Und vor allem: Warum rief die Schlepper-Crew keine Hilfe, sondern meldete sich erst bei der Küstenwache, als sie die Leine gekappt hatte und das Schiff verloren war?

Die Seekammer am Bezirksgericht Danzig befasst sich mit dem Untergang. Nähere Auskünfte der polnischen Behörden gibt es dazu bisher jedoch nicht. Die „Büchner“ verließ ihren Heimathafen Rostock am 28. Mai 2013, wo sie lange Zeit als Jugendherbergsschiff gelegen hatte. Die letzte Reise sollte sie zur Abwrackwerft im litauischen Klaipeda führen. Zuvor hatte es ein monatelanges Tauziehen um den Denkmalstatus gegeben, war von einem mysteriösen Verkauf an eine Briefkastenfirma auf den Seychellen die Rede gewesen und der Betreiberverein Traditionsschiff schließlich pleite gegangen. Die „Ajaks“ nahm die Büchner an den Haken, brauchte im Rostocker Hafen aber Unterstützung von zwei hiesigen Schleppern, weil sie nicht wendig genug war. Alle Luken waren verschweißt. Hafenkapitän Gisbert Ruhnke attestierte die Seetauglichkeit.

Über das Automatic-Identification-System (AIS) ließ sich der Kurs der „Ajaks“ und ihrer Fracht im Internet verfolgen. Sie hielt sich mit zwei bis drei Knoten dicht an der Küste. Die See war nach Angaben der Wetterstationen ruhig. Zwei Tage nach der Abfahrt, am Abend des 30. Mai, ging der Schlepper auf Zick-Zack-Kurs, umfuhr immer wieder eine Stelle. Gegen 19.45 Uhr – also noch vor dem Funkspruch an die Seenotleitstelle – drehte die „Ajaks“ ab und hielt mit zehn Knoten auf ihren Heimathafen Danzig zu. Experten waren sofort sicher: Es war unmöglich, dass sie mit der „Büchner“ im Schlepp eine solche Geschwindigkeit erreichen konnte. Nach Angaben des polnischen Seeamts war so viel Wasser in das frühere Rostocker Denkmal gelaufen, dass es seinen Auftrieb verloren hatte und gegen 20.25 Uhr sank.

Einer, der sich monatelang für den Erhalt des Schiffes eingesetzt hatte, ist Steffen Wiechmann vom Freundeskreis Maritimes Erbe. Ein Jahr nach dem Untergang sagt er: „Die ,Georg Büchner’ ist heute einfach Geschichte.“ Damit müssten sich die Rostocker wohl abfinden. In Belgien allerdings, wo die „Büchner“ 1951 als „Charlesville“ vom Stapel lief und von wo aus sie im Liniendienst zur damaligen Kolonie Kongo unterwegs war, mag die Initiative „Watererfgoed Vlaanderen“ das Wrack noch nicht aufgeben. Sie setzt sich für eine Bergung ein, will die „Büchner“ weiter zur Attraktion eines maritimen Museums in Antwerpen machen. „Es ist das letzte historische Kongoboot. In Antwerpen könnte es eine zentrale touristische Attraktion werden“, sagt Vorsitzender Eric van Hooydonk.

Auch die polnischen Behörden hatten sich schon kurz nach dem Untergang für eine Bergung stark gemacht. Sie wollten alles daran setzen, das Schiff vom Grund der Ostsee zu bekommen. Konkrete Pläne gibt es jedoch nicht. Nach der polnischen Rechtslage ist der Eigner eigentlich verpflichtet, das Wrack innerhalb eines Jahres vom Unglücksort zu entfernen. Allerdings war es den polnischen Behörden monatelang nicht gelungen, den Besitzer ausfindig zu machen – eine weitere der vielen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der letzten Fahrt der „Büchner“. Medienberichten zufolge soll ein Abwracker aus Litauen das Schiff für 760 000 Euro gekauft haben – die Versicherungssumme lag demnach bei 1,3 Millionen.

Tobias Schulze, Insolvenzverwalter des Vereins Traditionsschiff, hatte die „Büchner“ ab Kaikante verkauft. Zum Käufer machte er keine weiteren Angaben. Aus dem Insolvenzverfahren, so viel ist zumindest inzwischen klar, hat die Hansestadt Rostock 90 744 Euro bekommen. Wie Stadt-Sprecherin Kerstin Kanaa am Mittwoch bestätigte, floss das Geld am 14. Mai. Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) hat vorgeschlagen, es in die Pflege des maritimen Erbes zu investieren. Dafür macht sich auch der Freundeskreis Maritimes Erbe stark, der die Überreste des ehemaligen Salondampfers „Undine“ erworben hat und von einer insolventen Dresdener Werft zurück nach Rostock überführen will. Dieses Projekt oder auch das Kulturschiff „Stubnitz“, das zurzeit in Hamburg liegt, hätten dringend Unterstützung verdient, so Wiechmann von der Initiative. „Rostock muss sich mehr um sein maritimes Erbe kümmern“, sagt er. Das Ergebnis von 90 000 Euro aus dem Insolvenzverfahren bezeichnet er als enttäuschend.

Aufklärung über den „Büchner“-Verkauf und die Rolle des Vereins fordert indessen Sybille Bachmann von der Bürgerschaftsfraktion Rostocker Bund/ Graue/Aufbruch 09. Die Bürgerschaft sei getäuscht worden, als sie eine Übernahme der „Büchner“ ablehnte und so letztlich den Weg für die Verschrottung frei machte. OB Methling habe in einer Beschlussvorlage damals einen Rückkaufpreis von 750 000 Euro und Sanierungskosten in Millionenhöhe genannt, den Denkmalstatus aber verschwiegen. Dieser galt laut Landesamt für Denkmalpflege seit Oktober 2004. Der Verkauf ins Ausland hätte dadurch nie erfolgen dürfen, so Bachmann. Sie meint: Rostock hätte das Schiff für den einen Euro zurückfordern können, für den es der Verein 1991 übernahm.

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