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Norddeutsche Neueste Nachrichten

15. Dezember 2017 | 13:12 Uhr

Der Schatz aus dem Bettkasten

vom

svz.de von
erstellt am 07.Aug.2013 | 09:35 Uhr

Rostock | Voll Ehrfurcht blättert Udo Häfke durch die Rostocker Nachrichten, eine Zeitung, die im Jahr 1892 in der Hansestadt erschienen ist. "Ich muss vorsichtig sein. Die Seiten sind schon ganz dünn", sagt er. Wo und wann er die historischen Ausgaben aufgestöbert hat, kann er heute gar nicht mehr genau sagen. Es muss bei einer Haushaltsauflösung kurz nach der Wende gewesen sein, als der Sammler sie entdeckte und an sich nahm. "Sie lagen in einem Karton und waren alle durcheinander", sagt er. Nachdem Häfke die brüchigen Seiten geordnet hatte, ließ er sie binden. Später verpackte er sie in Tüten und verstaute sie in seinem Bettkasten. "Dort ist es schön dunkel", sagt der Rostocker. Er habe mal gehört, dass das gut sei. Nur selten öffnet er seitdem den Bettkasten, um die Rostocker Nachrichten ans Licht zu holen. "Ich fasse sie nur an, wenn das notwendig ist", sagt er. Heute hält er es für notwendig, sie zu zeigen, denn die Rostocker sollen von dem Schatz erfahren. "Es gibt viele Leute, die sich für so etwas interessieren", sagt der 59-Jährige.

Und tatsächlich: Die Zeitung von 1892 scheint von Interesse zu sein. Denn sie ist noch nicht gelistet und somit in den öffentlichen Bibliotheken des Landes noch nicht vorhanden. "Vermutlich handelt es sich um Einzelexemplare", sagt Bodo Keipke, Archivar der Hansestadt. Vielleicht sei es ein Versuch des Druck- und Verlagshauses Adlers Erben gewesen, eine zweite Zeitung in Rostock zu etablieren. Die erste Zeitung, Rostocker Zeitung genannt, die ab 1711 als Wochen- und ab 1847 als Tageszeitung erschienen war, habe nämlich keinen Erfolg gehabt. "Die wollten viele nicht lesen", sagt Keipke. Grund: Das Blatt sei ein Politorgan gewesen, liberal ausgerichtet. 1921 starb es aus wirtschaftlichen Gründen.

Dem gegenüber stand nach Informationen des Stadtarchivars der Rostocker Anzeiger. Ein Blatt der Carl-Boldt-Druckerei, das es zunächst als kostenlose Geschäfts- und dann als kostenpflichtige Tageszeitung gab. "Das war die auflagenstärkste Zeitung", sagt Keipke. 1881 gegründet, hielt sie sich bis 1945. Zwischenzeitlich habe es verschiedenste Versuche gegeben, neue Zeitungsprojekte zu starten, so der Experte. Doch die seien nicht gegen den Rostocker Anzeiger angekommen. Genauso wie die Rostocker Zeitung mussten sie früher oder später wieder aufgeben.

Auch die Rostocker Nachrichten konnten sich allem Anschein nach nicht behaupten. In Udo Häfkes Sammlung finden sich lediglich Ausgaben aus dem Jahr 1892. Und das, obwohl das Blatt im Gegensatz zur Rostocker Zeitung neben der politischen Rundschau im In- und Ausland sowie den Mecklenburger Tagesneuigkeiten auch Bier-, Bettfedernlager-, Tuchmuster- oder Lotterie-Werbung Platz einräumte. "Es ist hochinteressant, was es damals alles gab", sagt Häfke. Damit auch andere etwas von seinem Fund haben, wäre er bereit, die Zeitungsausgaben einem Archiv oder einer Bibliothek zu überlassen. "Ich würde sie gerne in gute Hände abgeben, die damit etwas anfangen können", sagt der Sammler. Er selbst sei ja nur ein Laie. Stadtarchivar Bodo Keipke kann sich durchaus vorstellen, dass die Rostocker Universitätsbibliothek, die Archivbibliothek oder die Landesbibliothek in Schwerin daran interessiert sein könnten. In seinem Bettkasten sollte Häfke den Schatz jedoch nicht mehr allzu lange aufbewahren. Denn: "Nach mehr als 100 Jahren ist das Verfallsdatum bereits überschritten", sagt der Stadtarchivar. Auf Dauer sei die Original-Zeitung nicht zu erhalten. Vielleicht wird sie ja schon bald auf Mikrofilm gebannt in einer der großen Bibliotheken im Land zu betrachten sein.

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