NNN-Serie : Der lange Weg der Flüchtlinge

Immer dabei hat Steffen Vogt sein Telefon. Mit sechs Kollegen und der Hilfe von Praktikanten ist er zehn Stunden am Tag für die Bewohner des Asylbewerberheims da. Honorarkräfte im Umfang von 2 bis 2,5 Stellen rücken noch nach.  Fotos: Nicole Pätzold
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Immer dabei hat Steffen Vogt sein Telefon. Mit sechs Kollegen und der Hilfe von Praktikanten ist er zehn Stunden am Tag für die Bewohner des Asylbewerberheims da. Honorarkräfte im Umfang von 2 bis 2,5 Stellen rücken noch nach. Fotos: Nicole Pätzold

Zwischen Nostorf und Rostock liegen nur 14 Tage für die Asylbewerber / Im Heim wird auf Hochtouren für die Integration gearbeitet

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25. August 2015, 08:00 Uhr

Wie geht es Flüchtlingen, die in Rostock Zuflucht vor Krieg, Verfolgung und Not suchen? Wie geht die Hansestadt mit ihnen um? Ist die Stadt überhaupt auf die Versorgung und Unterbringung der vielen Menschen vorbereitet? In einer Serie geben die NNN jeden Tag Antworten auf die wichtigsten Fragen. Teil 2: Der Weg der Flüchtlinge – von der Ankunft in MV bis zur ersten Wohnung in Rostock.

280 Flüchtlinge kamen 2014 nach Rostock. Bis Ende dieses Jahres werden rund 1040 erwartet. Tendenz steigend, denn die Aufnahmequote für Rostock verdoppelt sich 2016 von 6,37 auf 12,99 Prozent des Anteils derer, die MV zugeteilt werden. Hintergrund: eine mindernde Klausel aufgrund der Aufnahme jüdischer Immigranten fällt – wie auch für Schwerin – weg.

Zentrale Aufnahme


Die Flüchtlinge kommen nicht direkt nach Rostock. Der Weg führt sie zunächst in die zentrale Aufnahmeeinrichtung für Mecklenburg-Vorpommern – nach Nostorf/Horst (Landkreis Ludwigslust-Parchim. Dort müssen sie auch den Antrag auf Asyl stellen. Aufgrund der Überfüllung bleiben sie derzeit nur rund 14 Tage. In Nostorf nimmt das Amt für Migration und Flüchtlingsangelegenheiten die Aufgaben wahr, die das Land nach Asylverfahrens-, Aufenthalts- und Flüchtlingsaufnahmegesetz des Landes erfüllen muss. Das sind die zentrale Aufnahme, Unterbringung, Versorgung sowie Betreuung von Asylbewerbern und anschließende landesinterne Verteilung auf die Kreise, Gemeinden und Städte. In Rostock werden die Asylbewerber zentral in der Satower Straße untergebracht. Dort sind nur sie, keine Flüchtlinge, die schon einen Berechtigungsschein oder Status der Duldung haben. „Fachlich sind wir sehr dafür, alle Asylbewerber erst mal in eine Gemeinschaftsunterkunft zu bringen, um erstens etwas für die Sprache zu tun, zweitens Ämterwege mit zu erledigen“, so Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke).

Das Heim in Rostock


Das Heim in der Satower Straße hat 285 Plätze und ist auch aktuell voll belegt. Wenn Familien, Schwerstkranke oder Rollstuhlfahrer ankommen, lassen sich die kleinen Zimmer aber praktisch nicht komplett belegen. Dort bleiben Betten leer. An anderen Stellen ist das Heim überbelegt, müssen Matratzen auf den Boden, damit jemand noch unterkommt. Die sieben Sozialarbeiter, die dort arbeiten, haben gut zu tun. Sie haben drei große Aufgabengebiete: Sie bewirtschaften die Unterkunft, beraten und organisieren das Zusammenleben der Bewohner. „Unsere Prämisse ist, Menschen in die Lage zu versetzen, selber über ihre Angelegenheiten entscheiden zu dürfen“, sagt Heimleiter Steffen Vogt vom Betreiberverein Ökohaus. Die Sozialarbeiter bestimmen keine Wege für die Bewohner, sie zeigen verschiedene auf. Außerdem organisieren sie den Schulbesuch der Kinder, Arzt- und Amtsbesuche. Ein ständiger Gegner sind die Verständigungsprobleme.

Menschen aus rund 20 Herkunftsländern leben gerade im Heim: Große Gruppen stammen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Mauretanien. Es gebe wenig Iraker, wenig Ägypter. „Wir kommen an unsere Grenzen“, sagt Vogt, etwa wenn ein Arabisch-Dolmetscher beim Frauenarzt gefragt ist oder plötzlich nachts eine Familie vor der Tür steht, deren Sprache keiner der Mitarbeiter spricht. Und dabei decken sie schon vieles ab: Auf Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Russisch und zwei afrikanischen Sprachen können sie helfen. Für Termine organisieren sie Sprachmittler und Dolmetscher, auch Bewohner helfen aus – gerade in spontanen Situationen. In der Unterkunft werden auch Deutschkurse angeboten. „Der Stand an Deutschkursen ist gut“, sagt Vogt. Nur braucht es natürlich Zeit, die Sprache zu erlernen.

Konflikte des Alltags


„Unser Anspruch ist, dass alle, die sich ein Zimmer teilen, sich auch verständigen können“, sagt Vogt. Wenn nicht, provoziere das Konflikte. Die würden sich in ihrer Schwere aber in Grenzen halten, auch weil die Sozialarbeiter offensiv darauf reagieren würden. Dennoch gehören Konflikte zum Alltag. Ursprung seien keine religiösen Differenzen, wie es Klischee ist. „Ein häufiges Thema ist das Gefühl für Ordnung und Sauberkeit“, sagt er. Es sei wie in jeder WG.

Die nächste Station


Die Aufenthaltszeit der Asylbewerber im Heim ist unterschiedlich. Im Durchschnitt liegt sie zwischen vier und zwölf Monaten. Die nächste Station für die Flüchtlinge: die dezentrale Unterbringung und die Integration über das Alltagsleben in einem Viertel. Damit das gelingen kann, setzt die Stadt Integrationslotsen ein.
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