„Wetten, dass...?“ - Unfall : "Der Kandidat hat sich überschätzt"

Wettkandidat Samuel Koch springt am Sonnabend in Düsseldorf während der ZDF-Show 'Wetten, dass...' mit sogenannten 'Powerisern' erfolgreich über einen fahrenden Pkw. Beim vierten  Versuch stürzte der 23-Jährige und zog sich schwere Verletzungen zu. Die Live-Übertragung wurde abgebrochen. Oliver Berg, dpa
1 von 3
Wettkandidat Samuel Koch springt am Sonnabend in Düsseldorf während der ZDF-Show "Wetten, dass..." mit sogenannten "Powerisern" erfolgreich über einen fahrenden Pkw. Beim vierten Versuch stürzte der 23-Jährige und zog sich schwere Verletzungen zu. Die Live-Übertragung wurde abgebrochen. Oliver Berg, dpa

Der schwere Unfall bei der ZDF-Show "Wetten, dass...?" hat Marc Dargusch betroffen gemacht. Er ist Vorstandsvorsitzender des einzigen Vereins in MV, der Bouncen anbietet. Der Rostocker nimmt Thomas Gottschalk in Schutz.

von
06. Dezember 2010, 08:19 Uhr

Rostock | Der schwere Unfall bei der ZDF-Show "Wetten, dass...?" hat auch Marc Dargusch betroffen gemacht. Er ist Vorstandsvorsitzender des einzigen Vereins in Mecklenburg-Vorpommern, der Bouncen - das Gehen, Laufen und Springen mit an die Schienbeine und Füße geschnallten Sprungfedern - anbietet. Genau das, was der Wettkandidat Samuel Koch am Sonnabend gemacht hat. Doch bei dem Versuch, mit Hilfe sogenannter "Poweriser" fünf ihm entgegenfahrende Autos per Salto zu überwinden, ist der 23-Jährige schwer gestürzt - Abbruch der Liveübertragung. Der Gelegenheits-Stuntman zog sich erhebliche Verletzungen an der Halswirbelsäule zu. Er soll nach der Notoperation jetzt langsam aus dem künstlichen Koma geweckt werden.

Nach diesem Unfall wagen die Macher des Trendsport & Bounceclubs Rostock, Marc Dargusch und Juliane Ewald (21/Kauffrau für Bürokommunikation und stellvertretende Vorsitzende), auf das Finden neuer Unterstützer vorläufig kaum noch zu hoffen. "Am Freitag hatte ich gerade 50 Werbebriefe an potenzielle Sponsoren verschickt in der Hoffnung, finanzielle Mittel akquirieren zu können. Insofern ist das, was bei „Wetten, dass...?“ passierte, für uns der Super-GAU", sagt Dargusch.

Sie hätten von dem Vorfall erst aus den Nachrichten erfahren, später über Videoaufnahmen des Internet-Portals YouTube versucht, sich ein Bild zu verschaffen. Bei der Analyse kamen beide zum übereinstimmenden Urteil: Der bedauernswerte Samuel Koch sei selber schuld, er habe sich zuviel zugemutet.

"Das war sein persönliches Risiko"

"Es ist so schon superschwierig, überhaupt einen halben Meter hochzuspringen, den Absprungpunkt zu finden", erläutert Juliane. "Er war bereits beim ersten Auto, dem Smart, zu flach, und dann wurden die Wagen ja immer größer. Beim letzten wäre er wohl gegen die Scheibe geprallt, einfach, weil er nicht richtig hochgekommen ist. Man muss seine persönlichen Grenzen überdenken. Der Kandidat hätte auch in anderthalb Minuten fünf einfache Salti zeigen oder über stehende, nicht sich auf ihn zu bewegende Autos springen können. Aber das beherrschen auch andere. Das wäre nicht spektakulär genug, nicht der Kick gewesen, und er hätte es wahrscheinlich nicht in die Sendung geschafft. Diese Wette war zu riskant."

Auch Marc Dargusch nimmt kein Blatt vor den Mund: "Jeder Sportler ist angehalten, sein eigenes Können richtig einzuschätzen. Wir haben sogar einen solchen Passus in unserer Vereins-Trainingsvereinbarung. Darin wird u. a. auch von Dingen abgeraten - dass man, wenn man sich unsicher fühlt, lieber verzichten soll. Was Samuel Koch gezeigt hat, ist höhere Schule, da geht es in den Showbereich. Er wollte einen Salto über das Auto springen und landen, hat dabei aber eine halbe Drehung zuviel gemacht. Der Kandidat hat sich schlicht und ergreifend überschätzt."

Der Rostocker Verein wirbt mit dem Slogan "Vorsicht, Suchtgefahr! Schneller! Höher! Weiter!" Das sei aber nicht als Aufruf zum Eingehen von Risiken zu verstehen, versichert der Vorstandsvorsitzende: "Wir versuchen uns zwar auch an Tricks, aber wenn wir so etwas überhaupt trainieren, dann gestalten wir das sicher, legen mindestens 60 Zentimeter dicke Hochsprungmatten aus und noch ne Lage obendrauf. Beim Sport gibt es nun mal Risiken, vor allem, wenn man in den Grenzbereich geht. Was jetzt „Wetten, dass...?“ betrifft, verstehe ich die aufkommenden Diskussionen gar nicht. Solche Unfälle passieren. Wenn ein alpiner Skirennfahrer live stürzt, dann schreit die Öffentlichkeit auch nicht gleich auf. Für mich trägt an der ganzen Sache weder das ZDF die Schuld noch vermeintliche Quotengeilheit. Die Aufgabe des Senders war es, für größtmögliche Sicherheit zu sorgen. Ansonsten handelt es sich um eine Unterhaltungssendung, die seit jeher spektakuläre Elemente beinhaltet. Ich persönlich hätte es nicht zugelassen, dass der Kandidat über fahrende Autos springt. Aber das war sein persönliches Risiko."

Bouncen einer breiten Masse zugänglich machen

Der Trendsport Bouncen sei in kürzester Zeit zu erlernen und fünfmal effektiver als Joggen, 98 Prozent der Muskeln würden beansprucht, wird auf Flyern geworben. Allerdings ist der unbestrittene Spaß ein teurer: Das Gerät allein koste laut Dargusch schon 340 Euro. Mit der unabdingbaren Schutzausrüstung sei man schnell bei 450 Euro angelangt.

"Die meisten Leute haben ein solches Budget nicht. Genau deshalb, damit trotzdem alle diesen Sport ausüben können und dazu Zugang haben, wurde dieser Verein gegründet. Das ist das Resultat der Überlegung, wie kann man Bouncen der breiten Masse zugänglich machen und das etablieren", so Marc Dargusch. Der 32-Jährige, der eine Werbeagentur besitzt, zudem DJ und Co-Moderator beim Eishockey-Oberligisten REC Piranhas ist, hat die Anschaffung von Sprungfedern eines österreichischen Herstellers namens "7meilenstiefel" - ein mit dem "Poweriser" fast baugleiches Modell - sowie Helmen, Schützern usw. zunächst aus eigener Tasche finanziert: "Da stecken ein paar tausend Euro drin."

Gleichwohl könne man mit dem vorhanden "Grundstock" im wahrsten Sinne des Wortes keine großen Sprünge machen. Das Geld reiche beispielsweise nur für eine Trainingseinheit in der Woche, "zwei können wir uns nicht leisten".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen