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Norddeutsche Neueste Nachrichten

19. November 2017 | 11:46 Uhr

Der Herr der 520 Schlüssel

vom

svz.de von
erstellt am 23.Jul.2013 | 12:24 Uhr

Südstadt | Kaum jemand verirrt sich in den Keller des Studentenwohnheims in der Max-Planck-Straße 5. Dabei ist am Ende des langen grauen Ganges die gute Seele des Hauses zu finden: Alexander Poethkow. Wer etwas von dem 38-jährigen Hausmeister will, schreibt ihm eine E-Mail und wartet. Poethkow sortiert täglich alle eingehenden Aufträge feinsäuberlich in eine digitale Liste ein und markiert farbig, welche Reparaturen in welchem der fünf Wohnhäuser zu erledigen sind.

Es ist Dienstag, 13 Uhr, und vorlesungsfreie Zeit. Dementsprechend ruhig ist es im Wohnheim. Viele Studenten sind bereits zu ihren Familien gefahren und machen Urlaub. Trotzdem hat Poethkow einiges zu tun. Auf seiner Liste stehen heute der Wechsel einer Mischbatterie, die Erneuerung eines Deckenfluters, die Reparatur eines Spülkasten. "Das Übliche eben", sagt der Hausmeister, der für insgesamt 520 Wohneinheiten zuständig ist.

Im Haus I sind es immer die Toiletten-Spülungen

Poethkow ist erst seit ein paar Monaten im Studentenwohnheim tätig. "Ich habe ursprünglich eine Ausbildung zum Klempner gemacht, später aber im Dienstleistungsbereich gearbeitet", so der 2,06 Meter große Mann. Die Arbeit gefalle ihm sehr, da sie das kombiniere, was ihm Spaß macht. Mit den Studenten, die in Einzel-Appartements, Zweier- oder Dreier-WGs im Haus leben, kommt er gut klar. "Als Nächstes möchte ich einen Englisch-Kurs belegen, um meine Kenntnisse aufzufrischen, denn viele Mieter kommen aus dem Ausland", sagt der 38-Jährige.

Als sein Telefon kurz nach 13 Uhr klingelt und ein Student mit starkem Akzent nach einem Fahrrad fragt, muss Poethkow ihn vertrösten: er habe nur kaputte Räder. Nachdem er aufgelegt hat, erzählt er: "Einmal im Jahr beseitigen wir die zurückgelassenen Fahrradleichen vor den Wohnheimen und sammeln die Überreste im Keller." Für den Studenten am Telefon hatte er noch einen guten Tipp parat: In der Albert-Einstein-Straße gibt es günstige Gebrauchträder.

Es ist mittlerweile Punkt 14 Uhr. Poethkow steht vor einer Wohnungstür in der vierten Etage des Wohnheims I und klingelt. Erst nach wenigen Minuten öffnet eine junge Frau die Tür. Sie sagt, sie habe gerade geschlafen, schließlich sei Prüfungszeit und jede Minute kostbar. Die Medizin-Studentin wohnt schon seit Studienbeginn in der Max-Planck-Straße. Mittlerweile ist sie im achten Semester und plant ihr Praktisches Jahr. Sie hat Poethkow gerufen, weil ihre Toilettenspülung nicht mehr geht. "Das ist typisch für Haus I", sagt der Hausmeister. Er wechselt schnell die Spülglocke, doch der Wasserdruck ist unverändert niedrig. Die Studentin lehnt derweil verschlafen im Türrahmen und erzählt, dass sie schon häufiger Hilfe vom Hausmeister in Anspruch nehmen musste. Vor allem in der Prüfungszeit, wenn es stressiger wird, sperre sie sich gern mal aus. Für Poethkow ist das die einfachste Arbeit, denn er ist der Herr der Schlüssel. Für jede der 520 Wohneinheiten hat er einen passenden. "Am Anfang war es gar nicht so leicht, daran zu denken, immer den gewünschten Schlüssel parat haben zu müssen", so Poethkow.

Als die Toilettenspülung auch nach weiteren zehn Minuten noch streikt, greift der Hausmeister zum Telefon. Er ruft den Haustechniker an, der sich weiter darum kümmern soll. Als Hausmeister muss Poethkow heute sehr viel organisieren und koordinieren. Er plant Termine mit Malern und Fliesenlegern, er macht Übergaben mit Studenten und spielt auch mal den Erzieher.

Im Anschluss an den Einsatz in Haus I muss er schnell weiter, um eine Lampe wieder in Gang zu bringen. Selbst Kleinst-Reparaturen überlassen die Studenten gern Poethkow. Sie verlassen sich voll und ganz auf ihn.

Vermittler zwischen den Generationen

Er muss den Studenten auch mal erklären, warum sie selbst verschuldete Schäden aus eigener Tasche bezahlen müssen. Auch wenn zum wiederholten Male Sperrmüll neben den Mülltonnen steht, bleibt Poethkow gelassen und kümmert sich um die Abholung. Im Schaukasten hat er mittlerweile einen Zettel aufgehängt, mit dem er den Mietern mitteilt, wie sie Sperrmüll anmelden können. Manchmal wird der 38-Jährige auch zum Vermittler zwischen den Generationen, denn in der Max-Planck-Straße leben Studenten direkt neben Senioren. "Wenn die jungen Leute abends auf der Wiese grillen, rate ich ihnen schon mal, auf die andere Seite zu wechseln", so Poethkow, der Vater von zwei Kindern ist. Am späten Nachmittag ist Feierabend. Seine Liste ist nicht ganz abgearbeitet, denn die Studenten sind nicht immer so zuverlässig in ihren Terminabsprachen, wie es sich Poethkow wünschen würde.

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