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21. September 2017 | 14:08 Uhr

Schwerin : Der "gute Onkel" auf der Anklagebank

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Für sie war er der gute Onkel Toni*. Ein Freund ihrer Eltern. Wann immer er vorbei kam - Carolin* lief ihm freudig entgegen. Anfangs. Das änderte sich plötzlich. Ina M.*, damals mit Toni verheiratet, fiel das auf.

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erstellt am 14.Nov.2011 | 09:23 Uhr

Schwerin | Für sie war er der gute Onkel Toni*. Ein Freund ihrer Eltern. Wann immer er vorbei kam - Carolin* lief ihm freudig entgegen. Anfangs. Das änderte sich plötzlich. Ina M.*, damals mit Toni verheiratet, fiel das auf. "Carolin zog sich immer mehr zurück. Sie wirkte ängstlich und wollte Toni nicht mal mehr die Hand geben", sagt die 49-jährige Zeugin. Ihr geschiedener Ehemann sitzt seit gestern im Schweriner Landgericht auf der Anklagebank. Schwerer sexueller Missbrauch wird dem heute 54-Jährigen vorgeworfen.

Toni M. soll die Stieftochter seines Kumpels über Jahre missbraucht haben. Zu verschiedenen sexuellen Handlungen soll er sie gezwungen haben, auch zum Geschlechtsverkehr. In deren elterlicher Wohnung in Hagenow. Von 1994 an, als der "gute Onkel" dort mal auf das Mädchen und dessen Brüder aufpassen sollte. Des Nachts schlich er sich - so steht es in der Anklage - an das Bett der Zwölfjährigen. "Hör auf!", fleht das Kind. Doch er macht weiter und droht, Carolins Familie etwas anzutun, wenn sie darüber redet. Bis 1997 listet die Anklage zehn Übergriffe auf. Als sie 15 war, ließ er von ihr ab. Dass es sich so abspielte, davon sind die Ermittler überzeugt.

Carolin hat sich spät offenbart. Beinahe zu spät. Zehn Jahre nach ihrem 18. Geburtstag wäre das Geschehen verjährt gewesen. Sie erstattet 2010 Anzeige - wenige Wochen vor ihrem 28. Geburtstag. Nach einem tragischen Verkehrsunfall sei alles über ihr zusammengebrochen, erklärt ihr Anwalt Uwe Kunik. Die junge Frau, inzwischen selbst Mutter, begab sich in therapeutische Behandlung und erst dort fand sie Worte für das Trauma ihrer Kindheit.

"Das ist der größte Quatsch, den ich je gehört habe!", poltert Toni M. los, kaum, dass der Staatsanwalt die Anklage verlesen hat. Mehr sagt der 54-Jährige mit der dunklen Brille nicht zur Sache. Das hat ihm sein Verteidiger Ralph Oliver Schürmann so geraten, der eigenem Bekunden nach einen Freispruch für seinen Mandanten anstrebt. Der Angeklagte beantwortet aber Fragen zum Lebenslauf: Schulabschluss 6. Klasse, erfolgreiche Lehre, Jobs im Forst und bei einer Abrissfirma, seit 1996 arbeitslos. Und immer wieder Alkohol. 2009 verursacht er als betrunkener Fußgänger einen Verkehrsunfall. Danach muss er sogar ins Gefängnis.

Ina M. leidet schon früh unter der offensichtlichen Trunksucht ihres damaligen Mannes. 1995 schnappt sie die gemeinsamen Söhne und sucht das Weite. Sie habe sich und die Kinder vor Toni schützen wollen, sagt sie gestern vor Gericht. Der habe häufig zugeschlagen, wenn er betrunken war. Vor der Trennung habe sie Carolin mal zur Seite genommen und gefragt, was denn los sei mit ihr. Doch das Mädchen sei ohne Antwort weggelaufen. "Ich dachte nur, vielleicht hat Carolin ja Probleme in der Schule", sagt die Zeugin.

Carolin selbst ist Nebenklägerin. Sie wird an einem der kommenden Prozesstage aussagen. Das Urteil soll Ende November gesprochen werden.

*Name geändert

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