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Festspiele MV: Bei den Proben geht es hochdiszipliniert zu : Der Chef der Musiker-Kommune

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Die 14 jungen Männer und ihre eine Kollegin sind im mecklenburgischen Idyll nahe Schwerin zum Proben für das Kammermusikfest der Preisträger der Festspiele MV am Wochenende in Ulrichshusen.

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erstellt am 08.Jul.2011 | 08:53 Uhr

Warin | Laptops surren, Handys klingeln, durch die Empfangshalle des Schlosses klingt das Geklapper von Netbook-Tastaturen, auf einer Couch amüsiert sich eine Gruppe beim Betrachten eines Youtube-Videos - und gelegentlich ist auch einmal ein lautes Fluchen über den plötzlichen Zusammenbruch des Netzes in Hasenwinkel zu vernehmen. Denn, nomen est omen: So verwunschen und romantisch das neobarocke Herrenhaus auch gelegen sein mag, die Datenleitungen erreichen hier nun mal nicht großstädtische Geschwindigkeiten.

Die 14 jungen Männer und ihre eine Kollegin sind ja im mecklenburgischen Idyll nahe Schwerin zum Proben für das Kammermusikfest der Preisträger der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (FMV) am Wochenende in Ulrichshusen. Und das bedeutet Beethoven statt Bytes, Mozart statt Mails, Dohnanyi statt Digitalisierung - auch wenn der Blick ins Web gelegentlich dann doch hilfreich sein kann wie etwa bei der Vorbereitung auf Mauricio Kagels "Match": Da hat Percussionist Alexej Gerassimez vorab schon mal ein Video des selten gespielten Werkes auf Youtube studiert - schließlich kommt dem 23-Jährigen hier eine verantwortungsvolle Aufgabe zu, fungiert er doch mit seinen Ratschen, Würfeln und Kastagnetten als schlagfertiger Referee im "Match" der Cellisten Gabriel Schwabe und Li-Wei Qin. Und die beiden Streicher traktieren sich und ihre Instrumente keineswegs allein auf den Saiten, sondern scheuen auch vor verbalen Attacken nicht zurück: "Nein!!!" poltert der Chinese da lauthals seinen deutschen Kollegen an - und kann doch nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken. "Das Publikum wird sich fragen, ob das zum Stück gehört oder ein Kommentar von mir ist…"

Mit allzu lauten Kommentaren hält sich der 35-Jährige ansonsten in diesen Tagen zurück - obgleich er als diesjähriger Preisträger in Residence die Führungsrolle innehat. Doch Qin ist eher ein Teamplayer und setzt auf mannschaftliche Geschlossenheit. "Ich glaube, es war da ein wenig zu laut", merkt der Cellist etwa im langsamen Satz des Tschaikowsky-Sextetts an. "Wir sollten versuchen, dass wir da die anderen immer noch hören können." Fernöstliche Höflichkeit, die im Gespräch mit ihm schon einmal in Begeisterung umschlägt, wenn er etwa von der "großen Festspielfamilie" spricht und dem "Gefühl, zu alten Freunden zu kommen" - immerhin ist der Musiker inzwischen seit zehn Jahren allsommerlich in MV zu Gast. Oder auch von diesem für Kammermusikproben "perfekten Ort" in Hasenwinkel schwärmt, wo die Nordmetall-Stiftung ihr Seminarhotel dem Musikerteam für eine Woche überlassen hat. So hat sich der junge Ausnahmemusiker denn auch trotz aller Freizeit-Verlockungen von Billard bis Tischkicker eine bewundernswerte Disziplin auferlegt: "Ich möchte in dieser Woche vor allem Musik machen", sagt Qin. "Das ist hier eine solch traumhafte Umgebung, um in aller Ruhe und fern des Alltags Kammermusik einzustudieren - das möchte ich nutzen." Allein für den chinesischen Nationalsport wird er sich eine Auszeit gönnen und für das Tischtennisturnier Bogen gegen Kelle tauschen.

Spieltechnisch reicht da vermutlich kein anderer an seine Qualitäten heran, konditionell indes dürften nicht nur der passionierte Jogger und Cellist Leonard Elschenbroich und Pianist Jeremy Young nach ihren täglichen Runden durch den nahen Wald im Vorteil sein. Auch Gerassimez, Schwabe und Bratscher Philipp Bohnen haben beim nachmittäglichen Fußballspiel auf dem Schlossrasen den Schweiß kräftig rinnen lassen. Das Ergebnis? "Zehn Minuten Kicken sind anstrengender als 40 Minuten Tschaikowsky-Sextett..."


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