"Deluxe-Zelle" bei guter Führung

Eingesperrt: Oberkommissar Helmut Hoffmann  ist stolz auf die modern ausgestatteten Zellen.Georg Scharnweber
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Eingesperrt: Oberkommissar Helmut Hoffmann ist stolz auf die modern ausgestatteten Zellen.Georg Scharnweber

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22. April 2010, 09:11 Uhr

Kröpeliner-Tor-Vorstadt | Für betrunkene Menschen oder Gewalttäter, die von der Polizei aufgegriffen werden, ist es die erste Anlaufstelle: das Zentralgewahrsam der Polizeidirektion Rostock in der Ulmenstraße 54. Seine 13 Mitarbeiter nehmen jeden Übeltäter vorübergehend auf. In dem 1999 errichteten flachen Gebäude befinden sich zehn Zellen, in denen die in der Öffentlichkeit durch unterschiedlichste Straftaten aufgefallenen Personen inhaftiert werden.

Seit etwa sechs Jahren kümmert sich Oberkommissar Helmut Hoffmann um die jährlich über 1000 Ankömmlinge. Aus ganz unterschiedlichen Gründen landen sie im Gewahrsam der Rostocker Polizeiinspektion. "Bei den meisten Fällen handelt es sich dabei um Trunkene und hilflose Menschen", sagt Hoffmann. 702 Personen haben die Beamten im vergangenen Jahr aufgelesen. Darunter gibt es Wiederholungstäter, die in regelmäßigen Abständen ihre Nacht dort unter Aufsicht verbringen. Arme Schicksale, wie die zwei obdachlosen und alkoholabhängigen Menschen Richard und Dirk. "Sie werden fast jede Woche zu uns gebracht", sagt Hoffmann. Der Oberkommissar kennt die beiden mittlerweile sehr gut und weiß, wie sie sich verhalten. So kann er sich genau auf sie einstellen. Richard und Dirk stellen keine Gefahr dar, aber da sie sich von ihrem Alkoholkonsum nicht lösen können und kein Obdach finden beziehungsweise sich mit ihrem Leben abgefunden haben, bleibt den Polizisten oftmals nur die Möglichkeit, die beiden mittellosen Trinker auf der Straße aufzulesen. Häufig aber werden sie vom ärztlichen Rettungsdienst aufgesammelt.

In Zellen mit Fußbodenheizung und Holzpritschen können die beiden Schicksale dann ihren Rausch ausschlafen. Doch bevor die angeschlagenen Männer ausnüchtern können, führt ein Polizist sie vor und untersucht sie nach Waffen und anderen gefährlichen Gegenständen. Alle persönlichen Habseligkeiten verwahren die Beamten und geben die Dinge nach Ablauf der vorübergehenden Inhaftierung wieder an ihren Besitzer zurück. Bei einer Blutabnahme stellen sie den Alkohol- und Drogengehalt fest. Je nach Verhalten der Eingelieferten entscheidet Hoffmann, ob ihnen eine gewöhnliche Zelle mit Holzpritsche zusteht oder ob sie die so genannte "Deluxe-Zelle" mit Toilette und Wasserspender bekommen. "Ihre Mahlzeiten erhalten sie tagsüber von unserer Hauskantine", erklärt Hoffmann. Abends versorgen die Mitarbeiter des Gewahrsams die Insassen mit einfachen Gerichten aus der hauseigenen Küche. Anschließend bekommen sie zwei feuerfeste Decken. "Die sind leicht reißbar, damit man sich daran nicht aufhängen kann", sagt Hoffmann.

Nachdem die beiden Obdachlosen ihren Rausch ausgeschlafen haben, verlassen Richard und Dirk am nächsten Morgen wieder ihre Zellen. "Spätestens wenn Richard wieder nüchtern ist, schämt er sich für alles und entschuldigt sich für sein Verhalten", erinnert sich Hoffmann an die regelmäßigen Besuche des hilflosen Mannes. Der Oberkommissar bedauert es sehr, nichts für die beiden tun zu können: "Man muss sich damit abfinden und darf es nicht zu sehr an sich ran lassen." Nur in kurzen Gesprächen versucht er, den vorübergehend Inhaftierten Mut zugeben und ihnen ins Gewissen zu reden. Insgeheim ahnt er, dass er sie bald wieder bei sich begrüßen wird. "Das muss man eben in Kauf nehmen", sagt Hoffmann. Er spricht aus Erfahrung.

Im Mai verabschiedet sich der Oberkommissar in den Ruhestand und wird sich dann die Freizeit mit seinen fünf Enkelkindern vertreiben. Ab und an wird er dann noch vorbeikommen, um seinem Nachfolger gute Tipps zu geben. "Auch heute kommen ehemalige Mitarbeiter vorbei, um ein bisschen mit uns über alte Zeiten zu reden", sagt der baldige Pensionär.

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