Warnemünde : Daten wurden mit Bleistift notiert

Wetterbeobachterin Ramona Glatzer ist seit 1994 in Warnemünde in der Seestraße 15a tätig. Sie zeigt alte Beobachtungsbücher, die es seit Aufzeichnungsbeginn 1946 gibt.
Wetterbeobachterin Ramona Glatzer ist seit 1994 in Warnemünde in der Seestraße 15a tätig. Sie zeigt alte Beobachtungsbücher, die es seit Aufzeichnungsbeginn 1946 gibt.

Meteorologe Rudolf Kemnitz spricht über die 70-jährige Geschichte der Deutschen Wetterwarte Warnemünde. Eine Ära geht zu Ende.

svz.de von
24. August 2016, 12:00 Uhr

In diesem Jahr gibt es die Warnemünder Wetterwarte direkt an der Promenade zwischen Leuchtturm und Hotel Neptun bereits 70 Jahre. Für den langjährigen Leiter Rudolf Kemnitz, der jetzt in Greifswald arbeitet, Zeit für einen Blick zurück und in die Zukunft. „Nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss der Alliierte Kontrollrat im Oktober 1945 die Wiederaufnahme von meteorologischen und hydrologischen Beobachtungen in allen vier Besatzungszonen Deutschlands“, sagt er. Mit dem Aufbau des Beobachtungsnetzes in Mecklenburg wurde von der Landesregierung Prof. Günther Falckenberg beauftragt, der bis Kriegsende Direktor der Uni-Luftwarte in Rostock-Friedrichshöhe war.

Zunächst wurde die Einrichtung von 16 Stationen für Mecklenburg angeordnet, von denen vier als synoptische Meldestellen regelmäßig ihre Wetterbeobachtungen an die Zentrale durchgeben sollten. Dazu gehörte die Warnemünder Station, die am 15. Januar 1946 in der damaligen Richthofenstraße 4 – heute Parkstraße – mit einfachsten Mitteln und Instrumenten, die zum Teil noch aus Beständen des Reichswetterdienstes stammten, eingerichtet wurde. Am 1. Mai 1946 wurde die Station in die Seestraße 15a verlegt, wo sie noch heute zu finden ist. Seit dem 1. Juli 1946 liegen im Archiv der Wetterwarte lückenlose Wetterbeobachtungsdaten vor. Die Anfänge waren beschwerlich, das erste Tagebuch wurde aus Mangel an Material komplett mit Bleistift und per Hand gezeichnet.

Die Anfänge sporadischer Windbeobachtungen in Warnemünde reichen bis 1841 zurück. Seit etwa 1850 wurden vom jeweiligen wachhabenden Lotsen einzelne Wetterelemente bestimmt und an die Deutsche Seewarte nach Hamburg gemeldet. In Rostock reichen die Anfänge meteorologischer Beobachtungen bis ins Jahr 1771 zurück. Regelmäßige Messungen begannen auf Initiative von Prof. Hermann Karsten mit Instrumenten des Physikalischen Instituts der Universität Rostock im Februar 1832. Damit verfügt die Hansestadt über die längsten regelmäßigen Wetteraufzeichnungen in Mecklenburg-Vorpommern.

Was macht nun die 70-jährige Klimareihe von Warnemünde so besonders? Zum einen gab es in all den Jahren keine Standortveränderung der Station. Die Thermometerhütte steht seit 1946 im einzigen Dünenmessfeld an der deutschen Ostseeküste. Fachleute sprechen von einer homogenen Klimareihe, die aufgrund der Länge besonders wertvoll bei der Betrachtung von Klimaveränderungen ist. Zum anderen erfolgen die Messungen im Grenzbereich zwischen Land und See an der Küste. Somit lassen sich Rückschlüsse auf den Einflussbereich beider Komponenten auf das Klimasystem ziehen, zum Beispiel Land- und Seewind.

Wie geht es nun weiter mit der Wetterbeobachtung in Warnemünde? Die technischen Möglichkeiten, meteorologische Messungen zu automatisieren, haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Messungen von Temperatur, Luftfeuchte, Luftdruck, Niederschlagsdauer und -menge, Windrichtung und -geschwindigkeit und andere stellen heute keine Herausforderungen mehr dar. Etwas problematischer sieht es bei solchen Parametern wie Niederschlagsart, Bewölkung oder Schneehöhe aus. Auch dafür gibt es heute Sensoren, allerdings sind die Ergebnisse nicht immer zufriedenstellend.

Einige Qualitätseinbußen lassen sich durch Fernerkundungssysteme wie Lidar, Radar oder Satellitenmessungen kompensieren. Daher hat der Vorstand des Deutschen Wetterdienstes beschlossen, alle etwa 40 bemannten Wetterwarten in Deutschland bis 2020 zu automatisieren. So werden Messungen in Warnemünde ab 1. Januar 2017 ohne Personal fortgesetzt. Von den sieben betroffenen Mitarbeitern werden zwei die seit 1997 durchgeführten Radioaktivitätsmessungen in Warnemünde betreuen. Den restlichen Kollegen werden andere Aufgaben übertragen, die zum Teil verlagert oder als Telearbeit von Rostock aus erledigt werden können.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen