Schiffsporträt „Norden“ : Das schwimmende Museum verlässt den Hafen

Zwei Kapitäne, eine Leidenschaft: Peter Fleck und sein Enkel Oskar verbringen gemeinsam Zeit an Bord der „Norden“. Normalerweise liegt der Segler in Neustadt bei Lübeck.
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Zwei Kapitäne, eine Leidenschaft: Peter Fleck und sein Enkel Oskar verbringen gemeinsam Zeit an Bord der „Norden“. Normalerweise liegt der Segler in Neustadt bei Lübeck.

1870 wurde die „Norden“ in Norwegen gebaut – sie war damit das älteste Besucher-Schiff

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14. August 2016, 20:20 Uhr

Genüsslich zieht Peter Fleck an seiner Zigarette. Binnen Sekunden vernebelt eine kleine Rauchwolke das Unterdeck. „Ja, wir sind die Ältesten hier auf der Hanse Sail.“ Fleck nimmt einen kräftigen Zug. 1870 wurde seine „Norden“ gebaut. Im norwegischen Skonevig. Bis 1976 verkehrte der Segler als Frachtschiff. „Sie transportierte vornehmlich Holz und Trockenfisch“, erzählt Fleck. „Zuletzt lag sie im Hafen von Namsos.“

In der Obhut von Peter Fleck ist die „Norden“ seit 1988. Damals war das Schiff ein Wrack, befallen von Schimmel. Es sei verrückt gewesen, das Schiff damals zu kaufen. „Das war ein Risiko. Wer normal tickt, macht so was nicht.“ Doch die Liebe zum Meer und die Hingabe für alte Holzschiffe hätten den Verstand ausgeschaltet. „Diese Schiffe haben einfach noch eine Seele“, sagt Flecks Frau Heike. Sie gehört zum Inventar an Bord. „Die Kinder sind hier groß geworden.“ Bis nach Frankreich sei die Familie gesegelt, in Norwegen gastiert sie regelmäßig. „Und nach Rostock kommen wir seit 25 Jahren.“ Die Stadt hätte sich verändert, sei pulsierender geworden, erinnere mittlerweile an eine richtige Metropole. „Die Sail ist Jahr für Jahr gewachsen. Nur leider sind wir nicht mehr ausgebucht“, bedauert der Kapitän. „Dabei habe ich meine Preise seit 15 Jahren nicht angehoben.“ Peter Fleck ist ratlos. „Wir finanzieren dieses Schiff nur durch Segeltörns.“ 40 000 Euro müsse er im Jahr aufbringen, um das Schiff zu unterhalten. „Und dann ist noch nichts kaputt gegangen.“ Einen Großteil der Reparaturen versucht der Seemann selbst zu erledigen.

„Ohne Liebe und Enthusiasmus geht hier gar nichts“, sagt seine Frau. „Und das Wichtigste: Der Kapitän hat immer Recht.“ Wie im normalen Leben funktioniere das Zusammensein an Bord nur mir Regeln. Jeder, der mitsegelt, gehöre zur Crew und müsse mit anpacken. Bis zu 30 Leute haben an Bord der „Norden“ Platz. Auf längeren Reisen können neben dem Bootsmann und dem Kapitän bis zu zwölf Gäste mitfahren. „Das Schönste ist immer das Gemeinschaftsgefühl“, findet Kapitänsgattin Heike. Zu dieser Gemeinschaft gehöre seit vier Jahren auch Jonni. Der Schäferhundmischling sei die beste Gangway-Wache.

Peter Fleck hat es sich an Deck gemütlich gemacht. In seiner rechten Hand hält er die nächste Zigarette. „In diesem Schiff steckt so viel Herzblut.“ Er schaut sich um, beobachtet die Gäste der Sail. „Man kann dieses Schiff nur am Laufen halten, wenn man es fährt, indem man es segelt“, sagt der Seebär. Sein Leben lang sei er auf den Meeren der Welt unterwegs gewesen. „Als junger Mann damals und als alter Mann heute.“ Peter Fleck lacht.

Er zündet sich die erneut eine Zigarette an. „Im nächsten Jahr feiert das Schwesternschiff 150-Jähriges. Die ,Grönland’ war das erste deutsche Expeditionsschiff und liegt heute im Museum in Bremerhaven.“ Ins Museum soll die „Norden“ noch nicht, auch wenn der Kapitän sie selbst als schwimmendes Museum bezeichnet. „Wir versuchen alles, um sie in Gang zu halten“, beteuert Fleck. Er zieht an seiner Zigarette, Rauch vernebelt sein Gesicht.

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