Kunsttherapie : Das Machen ist wichtig

Über die kreative Arbeit lernen Matthias, Beatrice und Joachim, mit ihren Sorgen, Ängsten und Problemen umzugehen. Was dabei entsteht, wurde kürzlich sogar in der Kunsthalle ausgestellt.
Über die kreative Arbeit lernen Matthias, Beatrice und Joachim, mit ihren Sorgen, Ängsten und Problemen umzugehen. Was dabei entsteht, wurde kürzlich sogar in der Kunsthalle ausgestellt.

In der Kreativ-Tagesstätte lernen Menschen mit seelischen Behinderungen, mit ihren Problemen umzugehen

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24. Juni 2015, 12:00 Uhr

Konzentriert bringt Beatrice die feuchten Gipsbinden auf. Schicht um Schicht bedeckt sie das Gesicht des Modellkopfes. Matthias geht ihr zur Hand, streicht Unebenheiten weg und bereitet die nächsten Stofffetzen vor. Als auch der letzte Millimeter bedeckt ist, heißt es abwarten. Nicht lange, der Gips trocknet schnell. Dann kann die Maske abgenommen werden. Sie wird später bemalt. Joachim guckt von seiner Zeichnung auf und nickt anerkennend. Gemeinsam geht den Kreativen die Arbeit zügig von der Hand.

Beatrice lächelt, scherzt und erzählt. Dass sie sich in der Runde wohlfühlt und sich so gut in die Bastelarbeit versenken kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Normalerweise fällt es ihr schwer, sich in einer Gruppe zu öffnen, sich in feste Strukturen einzufügen oder längere Zeit über einer Aufgabe zu sitzen. „Im August sind es zwei Jahre, die ich hierher komme“, sagt Beatrice. „So lange habe ich es noch nirgendwo ausgehalten.“ Beatrice hat ihre Scheu davor überwunden, etwas anzufangen oder auszuprobieren. „Es ist wichtig, auch Fehler zuzulassen. Das konnte ich vorher nicht“, sagt sie.

Die Kunst-Kreativ-Tagesstätte im Waldemar Hof ist eine Einrichtung der Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik (GGP). Hierher kommen Menschen mit psychischen Erkrankungen und seelischen Behinderungen. Über das kreative Arbeiten, den Austausch und die Gemeinschaft sollen sie die Isolation bekämpfen, ihre Beeinträchtigungen reduzieren und Struktur in ihren Alltag bringen. „Durch den Austausch über Projekte lernen sie beispielsweise, die eigene Meinung einzubringen und andere Meinungen zuzulassen. Außerdem werden Konzentration und das Durchhalten in verschiedenen Kursangeboten wie Töpfern, Skulpturenbau, Fotografie und Holzarbeiten geschult“, sagt der Sozial- und Medienpädagoge Uwe Voss. All diese Angebote werden von den fast 40 Besuchern der Tagesstätte regelmäßig wahrgenommen. Zurzeit arbeiten einige von ihnen im Rahmen des Mal- und Trickfilmkurses an einem „Faust“-Projekt. Sie studieren den Goethe-Text, analysieren die Hauptfiguren und überlegen, wie sie aus dem klassischen Stoff ihr eigenes Projekt machen können. Ein Film soll es werden, ein Spiel mit Masken.

Andere Besucher arbeiten an Skulpturen oder im Fotokurs an Porträts und Gegenständen. Hauptaugenmerk hierbei ist die Beschäftigung mit sich selbst. Was sehe ich von mir? Wie sehe ich mich? Was macht mich aus? Diese Fragen stellen sich die Kreativen bei ihrer Arbeit. Einige von ihnen kommen täglich, andere zwei- oder dreimal die Woche.

Während Beatrice Schwierigkeiten damit hat, Kontakte zu knüpfen, gibt es für Joachim nichts Schöneres, als unter Menschen zu sein. „Ich freue mich auf jeden Tag, den ich hier verbringe.“ Joachim ist berentet. Früher hat er im Theater gearbeitet. Nun entwirft er ein Bühnenbild für das „Faust“-Projekt. Kunst sei gut für seinen Tagesablauf, gebe ihm Struktur, eine Aufgabe.

„Das Machen ist wichtig“, sagt Uwe Voss. Die Besucher der Kunst-Tagesstätte üben, Gefühle kreativ umzusetzen, sich beispielsweise beim Zeichnen darüber bewusst zu werden, wo sie stehen und wohin sie wollen. Sie lernen, dass sie eingreifen und Dinge verändern können. „Wenn sie merken, dass es ihnen schlecht geht, haben sie dann das Potenzial, sich aktiv aus dieser Situation herauszuholen“, sagt Voss. „Das hört sich sehr leicht an, ist aber ein langer zum Teil schwieriger Prozess. Aber die Grundlagen sind geschaffen.“

Für Matthias ist Kunst verknüpft mit guten Erinnerungen an die Kindheit, seinen Vater und das gemeinsame Malen. „Als es mir dann schlecht ging, habe ich wieder damit angefangen.“ Dass einige seiner Bilder kürzlich sogar in der Kunsthalle hingen, erfüllt ihn mit Stolz: „Das hätte ich mir nie träumen lassen.“  

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