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Norddeutsche Neueste Nachrichten

23. November 2017 | 18:05 Uhr

Das lange Leben im Ungewissen

vom

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erstellt am 10.Feb.2012 | 07:30 Uhr

Gartenstadt | Zwei Stunden am Tag kann Abdullah Husseinkheyl (23) im Asylbewerberheim mitarbeiten, dazu kommt eine Stunde Deutsch-Unterricht. Sonst hat er nichts zu tun, dabei würde er so gern wieder arbeiten, wie er es früher im Laden seines Vaters in Qarabagh im Osten Afghanistans getan hat. Fröhlich und aufgeschlossen ist er, spricht in gutem Englisch und könnte auch Lehrer, Optiker oder Pilot sein. Dazu hatte er aber nie eine Chance.

Nachdem die Taliban in seiner Heimatstadt die Macht an sich gerissen hatten, zwangen sie Abdullahs Familie, sich ihnen anzuschließen, um gegen die internationalen Truppen zu kämpfen. "Dass wir uns weigerten, bezahlte mein Vater mit dem Leben, dann schnitten die Taliban meinem Bruder ein Bein ab", sagt Abdullah. Als Tadschiken haben sie bei den paschtunischen Taliban kaum eine Chance zu überleben. Abdullah konnte fliehen - zuerst nach Pakistan, von dort nach Deutschland. Vor sechs Monaten ist er im Asylbewerberheim in der Satower Straße angekommen.

Deutsch lernen als große Chance

Dort bewohnt er mit fünf weiteren afghanischen Flüchtlingen eine schlecht ausgestattete Drei-Zimmer-Wohnung. Jedem von ihnen steht ein Lebensraum von nur sechs Quadratmetern zu - die meisten Gefängniszellen sind größer. Das Mobiliar ist zusammengesucht und stand schon in vielen Wohnungen, bevor es nun auch Abdullah und die anderen Flüchtlinge nutzen können.

Auf dem Tisch seines Zimmers liegt neben einem Notizblock auch ein Deutsch-Lehrbuch. Abdullah möchte die Sprache unbedingt lernen, denn er weiß, dass er sie braucht, um irgendwann hier arbeiten zu können. "Wir schämen uns, Monat für Monat Geld zu nehmen. Wir sind ehrbare Männer und wollen dafür arbeiten", sagt der ehemalige Taxifahrer Rashid Achmedi, der Mitbewohner von Abdullah. Bis Rashid aber wieder arbeiten darf, kann es noch sehr lange dauern. Seit 15 Monaten ist er inzwischen hier, ohne dass er je eine Nachricht bekommen hätte, wie es um seinen Asylantrag steht. Dass Strafzettel innerhalb weniger Tage bearbeitet werden, die Ausländerbehörde Menschen aber teilweise jahrelang im Ungewissen lässt, sei kaum nachvollziehbar. Der Vater von sechs Kindern ist Christ, auch er war für die Taliban nur Freiwild.

Als sie in Deutschland ankamen, waren sie froh in Sicherheit zu sein. Barat Ali (19), ein weiterer Mitbewohner Adullahs und Rashids, brauchte bei seiner Ankunft in Deutschland dringend medizinische Versorgung. Seine tiefen Narben erzählen seine qualvolle Geschichte, er selbst möchte nicht darüber reden. Auch jetzt muss er noch häufig zum Arzt. Dass sie nun als Menschen gesehen werden und keiner Polizeiwillkür ausgesetzt sind, gäbe ihnen Sicherheit, betont Barat.

Trotzdem sind sie häufig frustriert, denn sie wissen nicht, was mit ihnen passieren wird, und sie dürfen währenddessen nicht einmal arbeiten. Neben ihren vereinzelten Deutsch-Kursen und seltenen Ausflügen in die Stadt - Straßenbahntickets müssen sie selbst kaufen -, bleibt den Flüchtlingen kaum eine Abwechslung vom bedrückenden Heimalltag.

Kaum Kontakt in die Heimat

Nur am Wochenende können sie ihr Leben genießen, denn dann spielen sie mit anderen Immigranten Fußball. Barats kindliches Gesicht setzt ein Strahlen auf, wenn er davon in seinem bemühten Deutsch erzählt.

Auch zu ihren Familien in Afghanistan, deren Schicksal häufig ungewiss ist, haben sie kaum Kontakt. Abdullah kann von Zeit zu Zeit telefonieren, Rashid, dessen Heimatdorf weder über Telefon noch über Internet verfügt, hat seit Monaten nichts gehört. Wenn sie von der Heimat sprechen, sprechen sie mit Angst, aber auch mit Sehnsucht. Sie sind sich einig: "Wenn es in Afghanistan wieder sicher sein wird, wollen wir unbedingt zurück und unseren alten Job wiederhaben", sagt Abdullah. Wann das sein wird, wissen sie nicht.

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