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Norddeutsche Neueste Nachrichten

23. Oktober 2017 | 22:52 Uhr

60 Jahre Ostseestadion : Da kommen Gefühle hoch

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Baldur Schröder (75) ist einer der freiwilligen Helfer, die einst im Nationalen Aufbauwerk das Stadionrund aufschütteten

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erstellt am 27.Jun.2014 | 13:24 Uhr

Wehmütig blickt Baldur Schröder auf den mächtigen Gedenkstein vor der DKB-Arena. Neben dem Findling, auf dem zwei Marmortafeln an den Bau des alten und neuen Rostocker Stadions erinnern, wirkt der 75-Jährige fast winzig. „Da kommen schon Gefühle hoch“, sagt Schröder. Kein Wunder, erlebte der gebürtige Rostocker doch vor exakt 60 Jahren die Fertigstellung des Ostseestadions hautnah mit.

Damals, Anfang der 50er Jahre, herrschte in Rostock Aufbruchstimmung. Häfen und Werften wurden ausgebaut, die wachsende Bezirksstadt systematisch aufgewertet. Auch sportlich sollte es nach den Plänen der DDR-Führung nach oben gehen. Das altehrwürdige Volksstadion passte nicht mehr ins Bild – eine neue, größere Sportstätte musste her. Da die staatlichen und kommunalen Mittel begrenzt waren, wurde die Bevölkerung zur freiwilligen Arbeit aufgerufen. Es gelang, Tausende zum Nationalen Aufbauwerk zu mobilisieren.

„Da drüben“, zeigt Schröder auf die gegenüberliegende Straßenseite, „in der Kieler Straße bin ich aufgewachsen. Als Kinder hatten wir nur Fußball im Kopf“, erinnert sich der Sohn eines Werftarbeiters, der bei Einheit Rostock mit dem Kicken begann. In seiner Freizeit zog es ihn und seine Freunde aus dem Hansaviertel immer wieder auf die Straße oder ins nahe gelegene Volksstadion. „Manchmal halfen wir dort mit. Als Lohn durften wir eine Stunde mit einem echten Lederball spielen“, sagt der einstige Torhüter.

So war es für die Jungs naheliegend, sich auch am Bau des neuen Stadions zu beteiligen. Nach der Schule meldeten sie sich beim Bauleiter und zogen mit Schaufel und Lore los. Dabei trugen sie die Erdhügel des ehemaligen NS-Aufmarschplatzes ab und schütteten den Wall für das neue Stadionrund auf. „So halfen wir auch beim Aufbau des Marathontors“, erinnert sich Schröder, der die beschwerliche Arbeit nicht als Strafe ansah. Im Gegenteil: „So taten wir etwas für unsere
Muckis und die Kondition. Nebenbei fielen auf der Baustelle Holzbruchstücke ab, die wir daheim zum Heizen gut gebrauchen konnten.“

Auch wenn der damals 15-Jährige aus Sicherheitsgründen nicht am Bau der Zuschauertraversen beteiligt war, an die Diskussion um die Namensfindung kann er sich noch gut erinnern. „Es sollte ja erst Hansa-Stadion heißen. Aber als man sich auf Ostseestadion einigte, war die Begeisterung doch groß.“

Dies galt auch für die Eröffnung am 27. Juni 1954, der Baldur Schröder beiwohnte. Kurz darauf lief er beim Länderspiel DDR gegen Polen sogar selbst im Stadion auf. „Wir durften den Spielern vor dem Anpfiff Blumen überreichen. Da habe ich noch nachts von geträumt.“

Später wurde der Keeper zum gerade gegründeten SK Empor Rostock, dem Vorgänger des FC Hansa, delegiert und stand für dessen Nachwuchsmannschaft im Tor. Sein sportlicher Höhepunkt im Ostseestadion war ein Duell mit einer Stadtauswahl aus Kopenhagen. „Da hat mir der gegnerische Stürmer bei einem Abwurf den Ball geklaut und ihn reingemacht. Zum Glück gewannen wir noch mit 2:1“, ist Baldur Schröder bis heute froh.

Nach seiner Lehre und dem Studium in Wismar verließ der gelernte Maschinenbauer seine Heimatstadt. Heute wohnt der Rentner in Groß Laasch bei Ludwigslust. Seine Verbindung zum Ostseestadion und dem FC Hansa riss aber nie ab, auch nicht nach dem Abriss der alten Sportanlage und dem Bau der modernen DKB-Arena in den Jahren 2000 und 2001. „Das neue Stadion ist wunderschön. Es geht immer vorwärts, das ist der Lauf der Dinge. Was bleibt, ist die Erinnerung“, sagt Schröder – und blickt wehmütig auf den mächtigen Gedenkstein.


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