Rostock : Christusgemeinde gedenkt ihrer zerstörten Kirche

Der Rostocker Zeitzeuge Klaus-Dieter Beese (l.) erinnert sich im Gespräch mit Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, und Dr. Georg Diederich, Direktor des Heinrich-Theissing-Instituts an das prägende Ereignis in seiner Gemeinde. Fotos: Kazi
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Der Rostocker Zeitzeuge Klaus-Dieter Beese (l.) erinnert sich im Gespräch mit Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, und Dr. Georg Diederich, Direktor des Heinrich-Theissing-Instituts an das prägende Ereignis in seiner Gemeinde. Fotos: Kazi

Zeitzeugen erinnern sich an Sprengung am 12. August 1971. Ereignis im heutigen Rechtsstaat undenkbar.

svz.de von
11. August 2016, 12:00 Uhr

In der Hansestadt hat es einen Akt der Kulturbarbarei gegeben, der nicht nur mehr als 26 000 katholische Christen, sondern ganz Rostock erschüttert hat: Am 12. August 1971 wurde die Christuskirche am Schröderplatz gesprengt – aus politischen Gründen. „Es ist ein Ereignis, das in unserem heutigen demokratischen Rechtsstaat so nicht mehr denkbar ist“, sagt Georg Diederich, Direktor des Heinrich-Theissing-Instituts in Schwerin.

Um diesem schockierenden Moment zu gedenken, haben sich gestern etwa 250 Menschen im heutigen Gemeindezentrum der Christuskirche im Häktweg eingefunden. „Diese Zerstörung war das Ergebnis einer kirchenfeindlichen Staatsideologie“, sagt Diederich. Bewusst verwende er das Wort Zerstörung statt Abriss, denn ebenso bewusst habe das Regime der DDR damals den katholischen Bau in Schutt und Asche gelegt – um 18.30 Uhr am Abend. „Ein gespenstischer Anblick. Wir waren alle schockiert“, erinnert sich Zeitzeuge Klaus-Dieter Beese, der in seiner Jugend die Glocken in der Christuskirche geläutet hat. Die meisten Gemeindemitglieder und Rostocker hatten von der Sprengung erst am Morgen erst aus der Zeitung erfahren, doch: „Es gab bereits am 11. August eine Vorsprengung, um das Mauerwerk zu lockern“, so Beese. Von einem in die Arbeiten involvierten Bekannten habe erfahren, dass 300 Kilogramm TNT das sakrale Bauwerk in die Luft jagen sollten. „Ein riesiger Knall. Eine einzige Frau klatschte, sonst herrschte Totenstille“, sagt der Rostocker. Er habe einige Aufnahmen gemacht. Nicht aber vom Pfarrer Schnitzler, der starr vor Fassungslosigkeit auf den Scherbenhaufen blickte, ohne jemals eine Entschädigung zu erhalten.

Gesprengt wurde die Kirche wegen der illusorischen Baupläne der Staats- und Stadtoberhäupter. „Die Kosten für die Entwürfe um den Schröderplatz waren auf 400 Millionen Mark beziffert. In Rostocks Haushalt war nicht einmal ein Hundertstel vorhanden, geschweige denn das Baumaterial, so Diederich. Der heutige Bau aber sei für ihn die Mutter aller nach 1971 errichteten Christuskirchen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

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