Suche in Rostock : Bunker der Stasi in Rostock?

Die Maße und Verläufe der unterirdischen Bunker-Anlagen hat Karl Krüger (77) genau aufgezeichnet.
Die Maße und Verläufe der unterirdischen Bunker-Anlagen hat Karl Krüger (77) genau aufgezeichnet.

Karl Krüger sucht nach verborgenen Anlagen unter der ehemaligen Zentrale. #wirkoennenrichtig

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19. Januar 2018, 05:00 Uhr

Seit Jahrzehnten jagt Karl Krüger nicht verzeichneten unterirdischen Anlagen in der ehemaligen Stasi-U-Haft nach. Dass diese existieren, weiß er aus eigener leidvoller Erfahrung: Am 21. Oktober 1976 wurde der ausreisewillige Familienvater von der Stasi in ihre Rostocker Zentrale verschleppt, um von ihm die Adoptionsfreigabe seiner beiden Töchter zu erpressen – auch durch achtmaliges Aufhängen am Galgen im tiefer gelegenen Keller. Dennoch unterzeichnete er nicht.

In den Zelltrakt wurde Krüger nicht über den üblichen Weg gebracht. Von der Hermannstraße aus fuhren die Stasi-Mitarbeiter mit ihm zu einem Tor im heutigen Penny-Markt. Dort ging es mit dem Auto ins Innere und dann per Fahrstuhl abwärts. „Ich habe bis zehn gezählt“, sagt Krüger, dem die drei Männer zuvor eine Kapuze übergezogen hatten. Unten nahmen sie ihm diese ab und jagten ihren Gefangenen mit Schlagstockhieben und gezückter Pistole durch einen unterirdischen Gang bis zum Gebäude mit den Zellen. Einen Eintrag über seine Einlieferung fertigten die StasiMitarbeiter gar nicht erst an. Krüger ist überzeugt: „Die wollten mich 100-prozentig erschießen.“ Den Vorwand dafür habe er ihnen aber nicht geliefert, sondern die Hiebe eingesteckt, ohne sich zu wehren. Gekonnt hätte er es, erklärt der ehemalige Boxer.

Die Maße und Verläufe der unterirdischen Bunker-Anlagen hat Karl Krüger (77) genau aufgezeichnet.
tohi
Die Maße und Verläufe der unterirdischen Bunker-Anlagen hat Karl Krüger (77) genau aufgezeichnet.

„Ich will den Leuten diesen Bunker zeigen“, sagt Krüger. Untersuchungen und Testbohrungen im Jahr 2013 brachten zunächst kein Ergebnis. Damals hatte Heino Schütt, ehemals in der PGH-Lackiererei in Marlow tätig, Krügers Aussagen gestützt. Zwei mittlerweile verstorbene Kollegen hätten ihm nach einem Einsatz in der Stasi-Zentrale erzählt, sie seien in einem Auto-Fahrstuhl in die Tiefe gefahren.

Im August vergangenen Jahres rückte die Dresdener Spezialfirma Nowak Radiodetection Sachsen an, um Böden und Wände auf dem Gelände per Radar zu vermessen. Dieses reichte bis in acht Meter Tiefe. Ergebnis: „Unter der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Rostock befinden sich Hohlräume, die zum Teil verschüttet wurden“, heißt es im Abschlussbericht. Das sei auf den Radarbildern klar zu erkennen. Unter anderem zeigen diese auch ein eingemauertes Treppengeländer.

Für das weitere Vorgehen empfiehlt die Spezialfirma zunächst eine vorsichtige Bohrung und Untersuchung mithilfe einer Endoskop-Videokamera. Der Leiter der Rostocker Außenstelle der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen, Volker Höffer, begleitete die Vermessung ebenfalls. Er sagt: „Weiteren Aufschluss wird erst die Untersuchung im Zuge der Sanierung bringen.“ Für die Erneuerung wurde das Gebäude bereits gesperrt, die eigentlichen Arbeiten können voraussichtlich aber erst im September starten. Sie sollen bis Ende 2019 dauern. Für Krüger kann der Beleg für seine Aussagen nicht schnell genug erbracht werden. Nicht nur, weil er wissen will, was in den Kellerräumen noch lagert. Ihn treiben vor allem persönliche Motive um: Seine Töchter werfen ihm noch immer vor, er sei es gewesen, der die Familie verlassen habe. Dabei habe er gerade nicht ohne sie gehen wollen – und das teuer bezahlt.

Kommentar von Torben Hinz: Mahnendes Schicksal
Wer heute die freiheitliche Demokratie infrage stellt, der sollte sich mit Schicksalen wie dem von Karl Krüger befassen. Ursprünglich wollte er eigentlich nichts weiter, als seine Kinder selbst zu erziehen – ohne sie zwangsweise mit den DDR-Jugendorganisationen teilen zu müssen. Dafür wurde er inhaftiert, gefoltert, gedemütigt, sein ganzes Leben zerstört. So läuft es in Staaten, in denen die Menschen nicht straffrei sagen dürfen, was sie denken. Schicksale wie das von Krüger sind daher auch immer Mahnung, jedweden Tendenzen von Unterdrückung frühzeitig und energisch entgegenzutreten. Es bleibt abzuwarten, was passiert, sollte der 77-Jährige mit seinen Aussagen zu den unterirdischen Anlagen am Ende recht behalten. Denn dann stellt sich die Frage: Warum wurden sie zugeschüttet und was ist in den Räumen noch zu finden? Krüger zufolge gingen zahlreiche Türen vom Tunnel ab.
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