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Norddeutsche Neueste Nachrichten

16. Dezember 2017 | 21:50 Uhr

Hansa : Bundesliga? Rostock braucht zehn Jahre

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Michael Dahlmann, Vorstandsvorsitzender des Rostocker Fußball-Drittligisten: Leider sind wir noch lange nicht über den Berg.

svz.de von
erstellt am 20.Sep.2014 | 10:00 Uhr

Mitgliederforum beim FC Hansa Rostock am 28. September, einen Tag nach dem Spiel gegen den MSV Duisburg. Die Clubführung will über die aktuelle Situation und Zukunftschancen des FCH sprechen. NNN haben Vorstandschef Michael Dahlmann zu diesem Thema befragt.

Herr Dahlmann, der Vorstand hat zu einem Mitgliederforum eingeladen. Verbirgt sich dahinter eigentlich eine außerordentliche Mitgliederversammlung?
Michael Dahlmann: Nein, es geht um Transparenz. Wir wollen unsere Mitglieder umfassend informieren. Denn der FC Hansa befindet sich in einem sehr großen Veränderungsprozess. Viele Mitglieder machen sich aufgrund der aktuellen sportlichen Situation berechtigt Sorgen. Deshalb ist es unabdingbar, die Mitglieder über die Lage in allen Bereichen zu informieren. Sie haben ein Recht auf einen Einblick in das Innerste ihres Vereins. Uns geht es darum, dass Klarheit darüber herrscht, in welchen Schritten der FC Hansa sein Überleben sichern kann. Realismus ist gefragt.

Ist denn die derzeitige Situation auch wirtschaftlich dramatisch?
Als ich am 1. Februar 2013 das Amt des Vorstandsvorsitzenden übernahm, waren die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ganz klar die größten Herausforderungen. Unser Team musste den Verein in kurzer Zeit gleich zweimal vor der sicheren Insolvenz bewahren.

Zweimal? Die finanzielle Notlage beim FC Hansa war ja bekannt, aber diese Dimension ist neu. Warum hielten Sie das so unter der Decke?
Wir wollten das in der Öffentlichkeit nicht so breit treten. Direkt bei meiner Amtsübernahme hatten wir nur vier Wochen Zeit, um ein Drei-Millionen-Euro-Loch im Etat zu stopfen. Durch die Umfinanzierungen im Sta-dion und mit Hilfe unseres Partners DKB ist uns dies gelungen. Im Jahr darauf habe ich mir zur Aufgabe gemacht, mit der strukturellen Sanierung des Vereins zu beginnen, die beileibe noch lange nicht abgeschlossen ist, und den Schuldenschnitt vorbereitet. Das waren harte, schwierige Verhandlungen. Ich kann ganz klar sagen: Ohne diese Maßnahmen gäbe es den FC Hansa Rostock nicht mehr. Das hat uns erst einmal unser Überleben gesichert.
Wie stehen denn aktuell die Überlebenschancen des FC Hansa?
Leider sind wir noch lange nicht über den Berg. Wir haben immer noch zu hohe Kosten im Vergleich zu anderen Drittligisten. Wir sind zwar nicht mehr akut von der Insolvenz bedroht, aber finanzielle Experimente wie in der Vergangenheit darf es nicht mehr geben. Im Gegenteil: Wir wollen uns mit gesunden kleinen Schritten weiterentwickeln. Der strukturelle Umbau des Vereins und die Umsetzung unserer Strategie haben nun absolute Priorität.

Wie sieht denn diese Strategie aus?
Wir haben uns die Frage gestellt, was hat Hansa in der Vergangenheit stark gemacht? Was sind unsere Stärken gegenüber anderen Vereinen und wie können wir unseren Weg trotz geringer finanzieller Mittel erfolgreich bestreiten? Die Antwort auf diese Fragen lässt sich unter dem Motto „Mit neuer Kraft zu alter Stärke“ zusammenfassen.

Können Sie das konkretisieren?
Wir haben untersucht, was einen Verein wie Hansa Rostock erfolgreich machen kann. Ausgangslage ist unsere jetzige Situation und das Wissen darum, dass wir finanziell nie die Mittel zur Verfügung haben werden, die andere Vereine generieren können. Selbst bei sportlichem Erfolg, also Aufstieg in die Bundesligen, haben wir immer einen Standortnachteil gegenüber Vereinen aus Großstädten und Ballungsräumen. Aus der Analyse haben wir dann einen Zeit- und Maßnahmeplan für den Erfolg erarbeitet. Am Ende dieses Plans soll langfristig der stabile sportliche Erfolg auf gesunden finanziellen Beinen gelingen. Das ist unsere Mission.

In welchen Zeiträumen denken Sie?
Realistisch betrachtet kann dieser Prozess zehn Jahre dauern. Wir brauchen viel Kraft und Durchhaltevermögen – auch von unseren Mitgliedern und Anhängern.
Der sportliche Erfolg ist ja das Nonplusultra. Doch gerade auch jetzt von einem Aufstieg zu sprechen, entbehrt jeder Grundlage…
Das ist richtig. Wir selbst haben nicht von Aufstieg gesprochen. Das kann für uns nur ein mittelfristiges Ziel sein. Wir müssen erst mal weiter unsere Hausaufgaben machen. Nur weil man einmal in der 1. Liga war, kommt man ja nicht automatisch wieder dorthin. Wir stehen am Anfang eines sehr langen und harten Weges.

Teilen Sie die durchaus weit verbreitete Angst, dass Hansa in der Bedeutungslosigkeit verschwinden könnte?
Ich stehe für Klartext und möchte den Anhängern unseres Vereins und auch den Sponsoren reinen Wein einschenken. Das haben sie verdient. Es bringt nichts, von früher zu träumen und in der Vergangenheit zu schwelgen, dass wir ja mal Erstligist waren. Wir alle müssen der Realität ins Auge schauen. Es gibt viele Beispiele, wie man es mit harter Arbeit und Schritt für Schritt wieder nach oben schaffen kann. Braunschweig, Augsburg haben es vorgemacht. Wir müssen mit dem Kopf aufwiegen, was wir an Geld nicht haben. Das heißt, im Wettbewerb mit unseren Konkurrenten schneller, kreativer und cleverer sein.

Viele haben nach dem Schuldenschnitt gehofft, dass es jetzt viel schneller aufwärts geht…
Ja, aber was bitte hat denn der Schuldenschnitt mit sportlichem Erfolg zu tun? Nur weil wir die Schuldenlast nicht mehr tragen müssen, kann man doch nicht erwarten, dass wir besser Fußball spielen. Ich kann das Wort Neuanfang nicht mehr hören. Wir haben jetzt begonnen, unser sportliches Konzept umzusetzen um darüber den sportlichen Erfolg zu erreichen. Spürbare Veränderungen können nicht von heute auf morgen greifen. Das braucht Zeit, Geld und Geduld.

Wie sieht das sportliche Konzept denn aus? Wird es einen neuen Sportdirektor geben, wie es Aufsichtsratschef Harald Ahrens im NNN-Interview angeregt hat?
Natürlich halten wir immer nach einer geeigneten Person Ausschau, die unsere Überlegungen umsetzt und unseren Weg mitgehen will. Ich wünsche mir jemanden, der sowohl Fußball-Fachmann ist, als auch Erfahrungen im konzeptionellen Bereich und klare Führungsqualitäten besitzt. Er muss durchsetzungsstark und authentisch sein. Nur wenn alle hier an einem Strang ziehen, dann können wir erfolgreich sein.

Gibt es denn konkrete Eckpunkte für den zu beschreitenden Weg?
Aus der bereits beschriebenen Grundüberlegung des finanziellen Standortnachteils ergibt sich zwangsläufig die Notwendigkeit, dass wir, um erfolgreichen Fußball zu bieten, junge hungrige Spieler brauchen, die die weiß-blaue Hansa-DNA in sich tragen und die für den Verein alles geben. Wir müssen in der Nachwuchsausbildung wieder die Spitze angreifen. Das bedeutet, dass wir in diese Bereiche investieren müssen, um für die Spitzentalente attraktiv zu sein. Ziel ist es, unsere Infrastruktur im Nachwuchsbereich wieder auf Top-Niveau zu bringen und auch in Top-Personal zu investieren. Wir werden unsere vorhandenen guten Trainer weiter qualifizieren, aber auch neue gut ausgebildete Leute suchen.

Aber wichtig und Aushängeschild bleibt doch der Profibereich…
Stimmt, vom Profibereich hängt viel ab. Wir wollen dort unsere jungen Spieler ent-wickeln und die Verzahnung mit dem Nachwuchs weiter voranbringen. Aus unserer Nachwuchsakademie müssen die Spitzentalente früher im Profiteam eingesetzt werden. Ebenso werden wir alles daran setzen, dass wir unsere Talente halten, das heißt, aus heute noch jungen Spielern mit Potenzial unsere Führungsakteure der Zukunft zu machen.

Sie denken an eine Hansa-Mannschaft aus der eigenen Schmiede?
Das wird nicht ganz funktionieren. Wir werden selbstverständlich auch Spieler von außen dazu holen, denn dadurch werden Reize gesetzt und die Qualität der gesamten Mannschaft erhöht. Aber der Kern des Teams braucht dieses besondere Hansa-Gen! Wir sind gerade dabei, wieder ein Scoutingsystem aufzubauen. Das wurde im vergangenen Jahr von der sportlichen Leitung vernachlässigt oder ganz eingestellt. Wir müssen jetzt wieder ein durchgängiges Scoutingsystem für Nachwuchs und Profis aufbauen, um entscheiden zu können, welche Spieler wir holen. Ein wichtiges Kriterium wird dabei der Charakter der Jungs sein. Die Kaderplanung muss durchgängig für alle Jahrgänge stattfinden.

Ist Peter Vollmann für den FC Hansa Rostock der richtige Trainer?
Ja! Wir haben Peter Vollmann aus bestimmten Gründen geholt. Er arbeitet konzeptionell und akribisch. Wir werden den Erfolg mit ihm generieren. Außerdem hat er schon über Jahre bewiesen, dass er Mannschaften erfolgreich führen kann.
Aktuell steht aber die sportliche Misere. Wie kommt Hansa da raus?
Natürlich haben wir uns alle gewünscht, dass wir gut in die neue Saison starten. Das Team wirkt aber leider insgesamt sehr verunsichert und macht dadurch immer wieder Fehler, die in dieser Liga eiskalt bestraft werden. Leider bringen unsere Neuzugänge noch nicht alle konstant das auf den Platz, wozu sie eigentlich fähig sind. Dazu kommt natürlich das Verletzungspech von Spielern, mit denen wir absolut geplant haben. Trotzdem vertraue ich darauf, dass die Mannschaft schon bald ein anderes Gesicht zeigen wird – ohne Wunderdinge zu erwarten.

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