Brandanschlag als "Schnapsidee"

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11. November 2010, 07:39 Uhr

Rostock | Kaum hatte 2007 der rechte Szeneladen in der Rostocker Innenstadt geöffnet, begannen die Proteste dagegen. Friedliche und weniger friedliche. Ausgerechnet im dem als alternativ geltenden Stadtviertel ein "Nazi-Laden" - das empfanden viele als besondere Provokation. Es gab Demonstrationen und Mahnwachen, aber auch eine Buttersäure-Attacke und Brandanschläge. Zuerst hieß der Laden "East Coast Corner", später "Dickkoepp", da hatte ihn der NPD-Landtagsabgeordnete Birger Lüssow übernommen, der auch sein Wahlbüro dort betrieb.

"Jedes Wochenende war irgendwas im Gange", erinnert sich eine 50-jährige Bewohnerin des Nebenhauses. Sie war als Zeugin vor das Rostocker Landgericht geladen, wo gestern der Prozess gegen zwei mutmaßliche Brandstifter begann.

Die beiden Männer sollen Ende März ein Feuer im Keller des Wohnhauses gelegt haben, in dem sich Laden und Büro befanden. "Wir waren sehr dünnhäutig", begründet die Frau, warum sie aufschreckte, als sie in der Nacht Krach von der Straße hörte. Sie sah zwei Männer mit Kapuzen-Shirts, die sich vor dem Haus zu schaffen machten und alarmierte die Polizei. Das Haus wurde zudem von einer Videokamera beobachtet. Die Beamten waren rasch am Tatort, löschten das Feuer, das im Keller zu lodern begann und nahmen die Männer nur wenige Straßen weiter fest.

Die sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Zwischenzeitlich waren sie auf freiem Fuß, verstießen aber gegen Auflagen und mussten so wieder ins Gefängnis. Die 38 und 27 Jahre alten Rostocker gehören laut Staatsanwaltschaft der linken Szene an. Gegen den älteren von beiden liegt seit kurzem auch eine Anklage wegen Vergewaltigung vor, was der Mann gestern offenbar zum ersten Mal hörte.

Großes Polizeiaufgebot und Einlasskontrollen

Beide räumten ein, eine Biomülltonne in den Keller des Hauses geworfen, dort Zeitungen entzündet und sich aus dem Staub gemacht zu haben. Eine "spontane Schnapsidee", betonen sie. Bei ihnen wurde kurz nach der Tat Alkoholwerte von jeweils mehr als zwei Promille gemessen. Sie hätten gewusst, dass die oberen Etagen des Hauses bewohnt waren, heißt es in der Anklage. Das bestreiten sie. Ihnen drohen in der kommenden Woche Freiheitsstrafen von mindestens zwei Jahren und drei Monaten und höchstens drei Jahren. Das hat ihnen das Gericht "bei glaubhaftem Geständnis" zugesichert.

Der erste Prozesstag endete gestern friedlich. Was das Gericht offenbar nicht erwartet hatte. Viel Polizei, strenge Einlasskontrollen und präventive Ermahnungen des Vorsitzenden Richters an die zahlreichen Zuhörer. Bei "Faxen" im Saal drohte er mit bis zu 24 Stunden Ordnungshaft. Aber am späten Nachmittag konnten alle nach Hause gehen. Bis auf die beiden Angeklagten. Laden und NPD-Büro sind in dem Viertel inzwischen aufgegeben worden.

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