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20. November 2017 | 01:36 Uhr

Blinde Menschen ertasten Plastinate

vom

svz.de von
erstellt am 26.Jul.2013 | 04:55 Uhr

Schmarl | Sie dürfen erleben, was anderen Besuchern der "Körperwelten"-Ausstellung in der Hanse Messe im Stadtteil Schmarl streng verboten ist. Die Mitglieder vom Blinden- und Sehbehindertenverein Mecklenburg-Vorpommern hatten gestern die seltene Gelegenheit, plastinierte menschliche Organe und Körperteile mit ihren eigenen Händen zu erfühlen. Unter fachkundiger Anleitung der Rostocker Medizinstudentin Annemarie Schütt durften sie sogar Ganzkörperplastinate aus nächster Nähe erkunden. "Wir sind sehr dankbar, dass wir die Gelegenheit dazu bekommen", sagt Bernd Uhlig, Landesvorsitzender des Vereins.

An einer eigens für die 30 Besucher vorbereiteten Tasttafel waren einzelne Körperteile zum Erfühlen vorbereitet. Um es den Teilnehmern etwas leichter zu machen, führte Medizinstudentin Schütt ihre Hände zu den Plastinaten. Uhlig interessierte sich besonders für das Herz. Vorsichtig gab die Studentin dem Sehbehinderten das menschliche Organ in die Hand und führte seine Finger an der Oberfläche entlang. "So bekomme ich einen Eindruck über die Originalstruktur des Organs und kann die einzelnen Gefäße ertasten", sagt er. Einen Schädel samt Gehirn sowie eine gesunde und eine Schrumpfniere, eine Leber, ein Kniegelenk und ein Fußskelett durften die Besucher ebenfalls ertasten.

35 000 Besucher wurden bisher gezählt

Ausstellungsleiter Jan Keller gibt zu bedenken, dass die Konsistenz eines plastinierten Organs sich im Gegensatz zu seinem Urzustand unterscheidet. "Durch die Plastination, beim der das Wasser aus dem Zellgewebe entfernt und durch Kunststoff ersetzt wird, geht die Elastizität verloren", sagt er.

35 000 Besucher haben sich seit Ausstellungsbeginn am 14. Juni die Plastinate angeschaut. "Zurzeit konkurrieren wir mit dem Wetter, aber ich hoffe, dass bis zum Ende am 1. September die Marke von 100 000 Besuchern geknackt werden kann", so Keller. Medizinstudentin Schütt freute sich über das große Interesse der Sehbehindertengruppe: "Die Leute haben keine Hemmung, die Körperteile anzufassen, begegnen ihnen mit viel Respekt. Sie werden fast wie Kunstwerke behandelt." Besucher Uhlig ist fasziniert von den Ganzkörperplastinaten. Dass er sie berühren und die einzelnen Muskelpartien erfühlen durfte, begeistert ihn. "Der Besuch hat sich wirklich gelohnt", sagt Uhlig.

Wolf-Hagen Etter, stellvertretender Vereinsvorsitzender, hat als Physiotherapeut medizinische Vorkenntnisse. "Deswegen sind gerade die Querschnitt-Präparate für mich so interessant", sagt er. In seiner Ausbildung bekam er nur Nachbildungen von Körperteilen zu Gesicht. "Wenn Studenten in ihrer Ausbildung mit echten Plastinaten Erfahrungen sammeln könnten, wäre das in meinen Augen ein riesiger Fortschritt", so Etter.

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