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Interview Wolfgang Schareck : Bildung formt den Charakter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Im Gespräch mit Professor Wolfgang Schareck, der gestern erneut zum Rektor der Universität Rostock gewählt wurde

von
erstellt am 25.Okt.2017 | 20:55 Uhr

Professor Wolfgang Schareck ist gestern für eine weitere Amtszeit zum Rektor der Universität Rostock gewählt worden. Dietmar Tahn hat mit ihm gesprochen.


Herr Professor, auf welche Dinge, die Sie in Ihrer zurückliegenden Amtszeit erreichten, sind Sie besonders stolz?
Stolz ist vielleicht nicht das treffende Wort, ist doch alles, was wir erreichen, eine gemeinschaftliche Leistung vieler. Aber sehr zufrieden bin ich über unser bisheriges Baugeschehen, insbesondere auf dem Südstadtcampus und über die Tatsache, dass es schließlich gelungen ist, die BAföG-Millionen den Hochschulen zukommen zu lassen. Hier möchte ich allen danken, die dazu beigetragen haben.

Für Sie beginnt mit einer weiteren Amtszeit eine neue Etappe, die wegen der Herausforderungen in Forschung und Lehre, aber ebenso an die wachsende Funktion der Universität für die Gesellschaft eine schwere wird. Wie muss sich die Uni deshalb entwickeln?
Unsere Gesellschaft ist im Wandel und umso mehr muss auch unsere Universität sich wandeln, wollen wir doch immer ein wenig unserer Zeit voraus sein, die Probleme von morgen heute schon analysieren und Lösungsansätze anbieten. Die Herausforderungen in unserer Gesellschaft heute heißen: Globalisierung, Digitalisierung und Migration. Dabei möchten wir einer rückwärtsgewandten populistischen Entwicklung entgegenwirken. Das deutlichste Zeichen setzen wir mit einer zunehmenden Internationalisierung und Mobilität in einer Universität, die Diskriminierungen demaskiert, vorurteilsfrei und weltoffen ist. Für die Qualität unserer Lehre wollen wir mit der Systemakkreditierung der Studiengänge selbst die Verantwortung übernehmen. Ich bin davon überzeugt, dass unser Ansatz der inter- und transdisziplinären Forschung der richtige ist. Er hat es schwerer als die Monowissenschaften in Exzellenz-Initiativen Erfolg zu haben. Gerade mussten wir auch wieder feststellen, dass unser sehr guter Antrag Coast in Transition, für den wir uns Außenseiterchancen ausgerechnet hatten, leider nicht entsprechend gewürdigt wurde. Aber unser Ansatz lebt vom interkulturellen und internationalen Austausch, ist anwendungs- und wirtschaftsnah und auf unser Land ausgerichtet, um unsere Welt besser zu machen.

Sie halten diesen Weg für zwingend?

Mit meinen Erfahrungen in der Medizin als Gefäß- und Transplantationschirurg bin ich vom Arbeiten in interdisziplinären Teams überzeugt. Hier freue ich mich auch, dass es uns gelungen ist, 2010 ein inzwischen sehr erfolgreiches interdisziplinäres Department der Geistes- und Kulturwissenschaften ins Leben zu rufen. Für die Zukunft haben wir an der Universität Rostock mit einer Digitalisierungsoffensive begonnen, die angefangen mit der e-Verwaltung, der Infrastruktur und natürlich besonders in der Lehre und Weiterbildung sowie in der Forschung Früchte tragen soll.

Die Rostocker Universität feiert 2019 ihren 600. Geburtstag. Sehen Sie das Jubiläum als Chance, die Hochschule in ganz Deutschland noch bekannter zu machen – sowohl bei potenziellen Studierenden als auch bei Partnern aus Wirtschaft und Forschung?

Der Universitäts-Geburtstag ist definitiv eine Chance, um die Universität mit der Wirtschaft und der breiten Öffentlichkeit zu vernetzen. Es geht nicht nur um Fragen des nachhaltigen Wirtschaftens und der Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für das Gemeinwohl sowie die Stärkung der Regiopolregion Rostock, sondern auch um die gesellschaftliche Legitimation der Wissenschaft, die gerade in jüngster Zeit infrage gestellt wird. Denken Sie an die Diskussion um Klimafolgen. In Analogie zum Stadtjubiläum rufen wir zum „Fest machen“ im Hafen der Wissenschaften auf. Dabei wollen wir uns für das Miteinander und die Kooperationen bedanken und Themen für die Zukunft setzen.

Wie ist der Stand der Vorbereitung des Jubiläumsjahrs?

Für die Vorbereitung des Doppeljubiläums sind sowohl aufseiten der Stadtverwaltung als auch der Universität Projektteams gebildet worden, die sich regelmäßig in Jours fixes über die Meilensteine abstimmen. Die Vorhaben der Universität werden aktuell planmäßig weiterentwickelt. Um nur einige wenige Höhepunkte zu erwähnen: das große Sommerfest für alle Bürger und Bürgerinnen der Hanse- und Universitätsstadt Rostock, die Ausstellung zur gesamten Universitätsgeschichte im Kulturhistorischen Museum Rostock. Und eine Ausstellung in der Kunsthalle, die mit aktuellen künstlerischen Positionen die Forschung der Interdisziplinären Fakultät, und damit die aktuellen Forschungsschwerpunkte der Universität, reflektieren soll. Besonders freue ich mich auf die Uraufführung einer Neufassung des Cornelius relegatus, die mit der Hochschule für Musik und Theater vorbereitet wird.

Gemeinhin gilt, dass eine Universität eine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, von Forschenden, von berufstätigen Frauen und Männern in verschiedenen Berufszweigen sein sollte – die alle ein Ziel haben. Ist das auch Ihre Vision und wie lässt sich diese mit Leben füllen?

Die Universität Rostock wurde bereits zum dritten Mal infolge mit dem Audit familienfreundliche Einrichtung ausgezeichnet. Das bedeutet nicht, dass wir schon alles richtig machen. Aber ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht dabei im Fokus, auch die Bemühungen, dem exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchs unserer Universität eine solide Perspektive zu bieten. Hier ist es ein Anliegen der Universität, mit einem Personalentwicklungskonzept den Mittelbau zu stärken. Zum Beispiel auch, um durch den Ausbau der Hochschullehre den wachsenden Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern zu decken. Vielleicht kommt uns dabei eine weitere Überarbeitung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes entgegen. Auch soll der Zusammenhalt aller Universitäts-Angehörigen weiter gestärkt werden. Dazu wird aktuell ein Kommunikationskonzept erarbeitet. Dabei wird der Erfolg der Bemühungen davon abhängen, wie es gelingt, das Konzept mit Leben zu füllen. Voraussetzung ist transparente und zeitnahe Information, diese muss zunehmend mehrdirektional erfolgen. Kommunikation ist damit eine Aufgabe für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Universität. Hier wünsche ich mir, dass wir alle offen und kooperativ aufeinander zugehen und wertschätzend miteinander kommunizieren.
Digitalisierung und Internationalität sind Schlagwörter, die oft gebraucht werden, wenn es um Zukunftsfähigkeit einer Universität geht. Welche künftigen Entwicklungsschwerpunkte sehen Sie für die Uni Rostock?

Vor zwei Wochen erst hat die Universität Frau Prof. Alke Martens zur Digitalisierungsbeauftragen ernannt. Prof. Bill leitet eine Strategiegruppe. Bereits im Jahr 2000 ist an der Universität Rostock deutschlandweit das erste flächendeckende WLAN-Netz eingeführt worden. 2003 wurde an der Universität Rostock mit der Einführung des Campussystems StudIP und der Lernplattform ILIAS in einem deutschlandweiten ersten Pilotprojekt „Notebook-Uni“ das E-Learning an der Universität Rostock gestartet. In diesem Bereich können wir also auf umfangreiche Erfahrungen zurückblicken und kennen so das Für und Wider des E-Learnings beziehungsweise Blended Learnings, um diese digitalen Werkzeuge gezielt einzusetzen. Bereits seit 2015 ist die Universität dabei, die Hochschulverwaltungsprozesse mittels digitaler Systeme effizienter zu gestalten. So wird an der Einführung eines Campus-Management-Systems gearbeitet, um sämtliche Arbeitsabläufe des Student-Life-Cycle mit einem integrierten Campus-Management-System abzubilden. Ich glaube, dass die Digitalisierung das Potenzial hat, sehr individuell auf die Fragen und Bedürfnisse eines jeden Einzelnen einzugehen und ihnen gerecht zu werden. Ich sehe die große Chance in der Re-Individualisierung in Verwaltung, Forschung und Lehre.

Und die Internationalität?

Was die Internationalisierung betrifft, verfolgt die Universität konsequent die in ihrer Internationalisierungsstrategie festgelegten Ziele. Hier möchte ich insbesondere den Kontakt zu anderen Hochschulen an der Ostsee weiter intensivieren. Auch dazu ist das Rostock International House gegründet worden. Die Bemühungen konzentrieren sich auf den internationalen akademischen Austausch, die Verbesserung der Studienbedingungen und die Erleichterung des Studieneinstiegs an der Universität Rostock für ausländische Studierende. Besonders nachgefragt sind wir bei Studierenden aus Indien und China. Der Ausländeranteil beträgt derzeit 10,2 Prozent, weiter steigend. Damit haben wir den Anschluss an den deutschlandweiten Durchschnitt von 12,8 Prozent erreicht. Um den internationalen Austausch weiter zu stärken, müssen auch strukturelle Fragen wie die Studiensprache beantwortet werden. Zunehmend machen wir Studienangebote in englischer Sprache.

Es gibt die These, dass sich das Anforderungsprofil an eine universitäre Ausbildung künftig noch mehr daran messen lassen muss, ob die Hochschulen Menschen hervorbringen, die ihre Welt selbst gestalten und nicht nur funktionieren in einem System. Zudem geht es neben dem Fachwissen, mehr denn je, um Schlüsselqualifikationen. Wie stehen Sie zu dieser Aussage mit Blick auf die Uni in Rostock?

Sie nehmen es in Ihrer Frage schon vorweg. Es kann angesichts zunehmend komplexer und veränderlicher Anforderungen, die die Zukunft an uns stellt, nicht allein um die Vermittlung von Fachwissen gehen, das bald überholt sein wird. Angesichts neuer und schnell wechselnder Herausforderungen müssen unsere Absolventinnen und Absolventen in der Lage sein, sich auf die Bedingungen in einer globalisierten Welt einzustellen. Dafür gibt es seit jeher einen Begriff, den Begriff der Bildung, der die fachlichen Kompetenzen ergänzen muss. Den Weg, den die Universität hier seit Jahren beschreitet, ist der der Inter- beziehungsweise Transdisziplinarität. Dabei werden Grenzen überschritten. Die Fähigkeit sich auf wechselnde Anforderungen, ja auf andere wissenschaftliche Sozialisationen einlassen zu können, erwirbt man am besten in interdisziplinären Forschungsprojekten. Dazu gibt es seit nunmehr zehn Jahren an der Universität Rostock die Interdisziplinäre Fakultät mit den vier Departments. Bildung formt den Charakter und vermittelt Schlüsselqualifikationen wie Reflexionsvermögen, Kritikfähigkeit, Wahrhaftigkeit und den Willen zum friedlichen Miteinander.

Finanzen sind auch für eine Universität ein wichtiges Thema. Wie ist die aktuelle wirtschaftliche Ausstattung der Uni? Welche Investitionsvolumen sind in Rostock erforderlich, um bei nationalen und internationalen Anforderungen mithalten zu können?

Die Universität ist derzeit finanziell adäquat ausgestattet. Sie kann für besondere Situationen und Erfordernisse Rücklagen bereitstellen und kämpft derzeit darum, hierzu auch die Gestaltungshoheit zu behalten. Ein erheblicher Anteil sind Mittel Dritter, vom Land, dem Bund, der EU, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und aus der Industrie. Dies ist mühsam eingeworbenes und über Leistungen verdientes Geld. Bei steigenden Anforderungen werden auch die finanziellen Bedarfe der Universität wachsen. So wird es nötig sein, die Hochschulpaktmittel zu verstetigen. Allein wenn wir uns vergegenwärtigen, dass ein Drittel der Lehre in den Lehramtsfächern – und das Land braucht dringend Lehrerinnen und Lehrer – aus Hochschulpaktmitteln finanziert werden. Wir wollen uns bei gutem Leistungsniveau in der Forschung weiter steigern, mehr DFG-Mittel einwerben. Vielleicht wird die Digitalisierung in der Lage sein, den heute extrem hohen Aufwand der Drittmitteleinwerbung – zum Beispiel europäischer Mittel – zu reduzieren. Schlussendlich bedeuten mehr Anforderungen an die Universität, ebenso wie Leistungssteigerungen und weitere Modernisierung unserer Campi mit Renovierungen und Neubauten, auch größere finanzielle Bedarfe in der Zukunft.

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