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Übergroße Klassen, Unterrichtsausfall und Überstunden : Berufsschule mit dem Prädikat unerträglich

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Unerträglich - mit diesem Wort beschreibt Thomas Aßmann, Bereichsobermeister der Kfz-Innung Uecker-Randow, seine Erfahrungen mit Berufsschulen im Land. Sie gelten als akuter Problemfall.

Ueckermünde/Schwerin | Unerträglich - mit diesem Wort beschreibt Thomas Aßmann, Bereichsobermeister der Kfz-Innung Uecker-Randow, seine Erfahrungen mit Berufsschulen im Land. "Als Mitglied der Prüfungskommission der Kfz-Mechatroniker muss ich leider feststellen, dass sich die Prüfungsergebnisse von Jahr zu Jahr verschlechtern, besonders in der Theorie", sagt er. Seine Erklärung: Ständiger Unterrichtsausfall und eine Kürzung von Teilungsstunden, in denen kleine Schülergruppen das Gelernte in der Praxis erproben. "Es kann nicht sein, dass wir von Fachkräftemangel und Problemen durch den demografischen Wandel reden und nicht in der Lage sind, die jungen Leute, die hier in der Region einen Beruf lernen wollen, ordentlich auszubilden."

Die Beruflichen Schulen im Land gelten als akuter Problemfall - auch im Bildungsministerium und bei den Lehrerverbänden. Die "Große Verhandlungsrunde zum Lehrerpersonalkonzept" tritt am 17. Januar zusammen, um nach einem Ausweg zu suchen: Vertreter von Staatskanzlei, Finanz- und Bildungsministerium einerseits, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Lehrerverbände und der Lehrerhauptpersonalrat andererseits. Sie müssen aushandeln, wie es mit dem Solidarpakt, als der das Lehrerpersonalkonzept Mitte der 1990er-Jahre gezimmert wurde, an den Beruflichen Schulen weiter gehen kann. Dort ist nach Ansicht aller Beteiligten von Solidarität - um Kündigungen zu verhindern, teilen sich Lehrer bei sinkenden Schülerzahl die Arbeit - nichts mehr übrig. Anders als in den Jahren zuvor an den allgemeinbildenden Schulen hatte an den Berufsschulen nur ein Bruchteil der Lehrer die Teilzeitverträge akzeptiert.


1300 Berufsschüler mehr als erwartet

Im Schulamt Rostock wurden sie erst gar nicht notwendig, in den Schulämtern Neubrandenburg, Schwerin und Greifswald nahm nach Auskunft des Bildungsministeriums rund ein Drittel (etwa 550 Lehrerinnen und Lehrer) die Angebote an. Das spaltet die Kollegien in Teilnehmer und Nicht-Teilnehmer. Durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes vom Herbst 2009 hat das Land zudem das "Argument", weitere Teilnehmer zu gewinnen, verloren - die mögliche Änderungskündigung. Zugleich wurde es verpflichtet, Ganztagskräfte voll zu beschäftigen. Die Situation aus Sicht der Abteilung Schulen im Bildungsministerium: An der Berufsschule trifft Lehrermangel (zum Beispiel beim unverzichtbaren Spezialisten) auf Lehrerüberschuss bei Generalisten (dem klassischen Deutsch-Englisch-Lehrer). Während sich Vertretungsunterricht im engmaschigen Netz der allgemeinbildenden Schulen leidlich absichern lässt, gestalte sich die adäquate Vertretung von Spezialunterricht an oft weit auseinander liegenden Berufsschulen schwierig. Die Folge: Unterrichtsausfall oder zusammengelegte Klassen. Wie genau es darum steht, wird entsprechend einer Forderung des Koalitionsvertrags in den kommenden Wochen analysiert.

Ihren Zählungen zufolge lernen in diesem Jahr 35 000 Jugendliche an Beruflichen Schulen, 1300 mehr als erwartet. Der Finanzausschuss des Landtages musste auf den unerwarteten Zulauf reagieren und hat Geld im Umfang von 56 Lehrerstellen freigegeben. Obwohl das Ministerium eine "Trendumkehr" feststellt, bleibt es dabei: Die Schülerzahlen gehen zurück. Bis 2014 sinken sie auf 31 000, so die Hochrechnung. Erst um 2020 werde der heutige Stand wieder erreicht, heißt es.

Gewerkschaften und Lehrerverbände zweifeln daran. Nach Ansicht der GEW-Landesvorsitzenden Annett Lindner dient das Lehrerpersonalkonzept dem Land nicht mehr als Reaktion auf sinkende Schülerzahlen, sondern als Ausgleich fehlender Haushaltsmittel. "Schülerzahlen werden klein gehalten", sagt sie. "Wie sonst ist es zu verstehen, wenn bei einer Erzieherausbildung 78 Bewerbungen vorliegen und nur 31 anfangen können?"

"Beide Seiten müssen sich bewegen"

Übergroße Klassen, den massiven Unterrichtsausfall und die zehntausenden Überstunden, die sich auf den Jahresarbeitszeitkonten der Berufsschullehrer angesammelt haben, wertet sie als Indizien, dass es genug Arbeit gibt. "Das System der Teilzeit ist an den Berufsschulen gescheitert", sagt Lindner. "Es muss neu justiert werden" - so die Lesart des Ministeriums, das beim Wackeln des Lehrerpersonalkonzepts an Berufsschulen auch um Gymnasien und Regionalschulen fürchtet. Nur an den Grundschulen ist die Vereinbarung bereits erledigt. Beim Verhandlungstermin im Januar will die GEW zunächst etwas gegen die Benachteiligung von Teilnehmern gegenüber Nicht-Teilnehmern unternehmen, kündigt Lindner an. Längerfristig müsse überlegt werden, wie Berufsschullehrer qualifiziert werden könnten - zum Beispiel im Hinblick auf die Regionalen Beruflichen Bildungszentren, mit denen das Land die Ausbildung konzentrieren will.

Im Ministerium besteht der Wunsch: "Beide Seiten müssen sich aufeinander zu bewegen." Und: "Jede Lösung ist besser als Bedarfskündigungen." Die könnten drohen, wenn das Land nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts mehr Lehrer beschäftigen muss als es für die Unterrichtsversorgung braucht.

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erstellt am 28.Dez.2011 | 09:12 Uhr

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