Beim Tanzen fühlt sich Per frei

<strong>In zwei Gruppen</strong> trainieren 40 Kinder und Jugendliche für die Aufführungen am Sonntag.
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In zwei Gruppen trainieren 40 Kinder und Jugendliche für die Aufführungen am Sonntag.

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04. Juli 2012, 10:44 Uhr

Stadtmitte | Jeder kann tanzen - so lautet das Motto des fünftägigen Workshops des Tanztheaters Bronislav Roznos für Kinder und Jugendliche. Dass dies nicht nur eine motivierende Floskel ist, sondern die Wahrheit, das beweist wohl am besten Per Malte Podbielski. Der neunjährige Schüler ist von Geburt an halbseitig gelähmt. Trotzdem kann er in seiner 20-köpfigen Tanzgruppe problemlos mithalten. Er dreht die Pirouetten, als hätte er nie etwas anderes getan, und kann die Bewegungsabläufe so präzise wie alle anderen koordinieren. Dass er all das heute so gut kann, hätten seine behandelnden Ärzte früher nicht für möglich gehalten. Im Mutterleib erlitt Per einen Schlaganfall.

Hinter den Mädchen in der ersten Reihe, die im rosa Tutu aussehen wie kleine Ballerinas und zum Teil schon seit Jahren zum Tanzunterricht gehen, hat sich Per in Stellung gebracht. Auf seinem linken Bein steht er nur locker. Konzentriert folgt er den Anweisungen der fünf Tänzer des Rostocker Volkstheaters, macht ihre Schritte gewissenhaft nach und merkt sich die Choreografie schneller als manch anderer in dem Kurs.

Leidenschaft für Break Dance entdeckt

Nur wenn sich Per einmal ganz langsam bewegt, ist bei genauem Hinschauen zu bemerken, dass er seinen Körper nicht hundertprozentig im Griff hat. Das liegt daran, dass er seine linke Körperhälfte nicht spüren kann. Vielleicht gefallen ihm auch darum eher die schnelleren Bewegungen. Vor allem eine Tanzart hat es ihm angetan - Per liebt Break Dance. Seit einigen Monaten geht der Neunjährige einmal in der Woche zum Training und träumt davon, irgendwann mal den so genannten Headspin, eine Drehung auf dem Kopf, machen zu können. "Darauf muss ich aber noch ein paar Jahre warten, den Trick darf ich erst machen, wenn ich 14 Jahre alt bin", so Per. Zum Break Dance kam der Viertklässler der Christophorus-Schule eher zufällig. "Auf einer längeren Fahrt mit dem Schiff habe ich ein Mädchen kennengelernt, die mich fragte, ob ich nicht Break Dance machen möchte", erzählt der aufgeweckte Junge. Schnell entdeckte er seine Leidenschaft für die Bewegung zur Musik. "Beim Tanzen fühle ich mich einfach besser und frei", so der Neunjährige, dem es nicht an Selbstbewusstsein fehlt. Vor den Augen aller anderen Kinder im Workshop zeigt Per gern, was er im Break-Dance-Training schon gelernt hat - dazu zählt zum Beispiel der so genannte Six Step. Seine Lähmung stört ihn dabei überhaupt nicht, versichert der Junge. Trotzdem müsse er aufpassen, denn weil Per beispielsweise seine Hand nicht spüren kann, kugelt er sich schnell mal ein Gelenk aus.

Sonderbehandlung: Fehlanzeige

Probleme wegen seines Hanicaps hat Per bisher nie gehabt. Im Gegenteil - in der Schule ist er beliebt und im Unterricht erfolgreich. Schon früh hat er gelernt, offen mit seiner Lähmung umzugehen. Fragen über seine taube Hand beantwortet er wie ein kleiner Facharzt. Der Neunjährige weiß auch, dass das Tanztraining gut für ihn ist. Dadurch werden seine Bewegungen flüssiger und sicherer. Der Chefchoreograf des Rostocker Volkstheaters, Bronislav Roznos, ist froh, den lebenslustigen Jungen im Team zu haben: "Es ist großartig, dass Per Lust hatte, bei uns mitzumachen." Das unterstreiche das Motto des Workshops. Als er Per das erste Mal sah, war Roznos beeindruckt, wie beweglich der Schüler ist. Darum brauche er auch keine Sonderbehandlung und trainiert ganz normal mit den anderen Kindern.

Nach fünf Tagen des Trainings wird es am Sonntag für die Kinder ernst. Um 11 und um 15 Uhr heißt es für sie "Die Bühne gehört uns". Die kleinen Tänzer zeigen in zwei Vorstellungen im Theater im Stadthafen, was sie gelernt haben. Die Aufregung wird bei allen von Tag zu Tag größer. Doch Per wäre nicht Per, wenn er sich nicht selbst beruhigen würde: "Ich bin ja schon mit der Bühne vertraut."

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