Trotz Tages-Dorschquoten : Auf der „Moret“ zur Angeltour

Urlauber Frieder Schwabe ist glücklich über den ersten Dorsch im Leben.
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Urlauber Frieder Schwabe ist glücklich über den ersten Dorsch im Leben.

Tages-Dorschquoten bremsen nicht alle Touristen aus – aber Einschnitte spürbar. Kapitän Andreas Retzlaff fordert Hilfen von der Landespolitik

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20. Juni 2017, 11:55 Uhr

Die Hochsee-Angelei zieht Touristen an die Küste. Trotz derzeitigen Fang-Verbots von mehr als fünf Dorschen pro Tag seit Jahresbeginn. Kapitän Andreas Retzlaff aus Blankenhagen bei Rostock macht sich um drei Uhr auf zu seinem Schiff in Schmarl. 20 Minuten Fahrt durch den Warnow-Tunnel, dann bereitet er den 17,50 Meter Hochsee-Kutter „Moret“ wieder zur Ausfahrt vor. Wenngleich weniger Buchungen als sonst. Getränke und Imbiss liegen in der Kühllast. Helfend kommen Sohn Erik, mit 20 schon erfahrener „Seebär“, und Hobby-Bootsmann Manfred Nietzmann aus Rostock dazu. Zur gleichen Zeit steigt im fernen Berlin eine angemeldete fünfköpfige Angler-Crew ins Auto, um pünktlich an Bord zu sein: Abfahrtzeit 6.30 Uhr.


Anbiss schon beim ersten Stopp


Inzwischen trudeln aus verschiedenen Richtungen weitere vier Petrijünger ein. Die elektronische Seekarte im Blick navigiert Retzlaff in Warnemünde um den rotweiß befeuerten Molenkopf Richtung Osten. Einigen hier aufgestellten Netzfallen des Institutes für Ostsee-Forschung zum aktuellen Fischbestand weicht er aufmerksam aus und folgt seinem Bord-GPS zum Dorschgrund. Den Küstenstreifen von Graal-Müritz noch in Sicht erster Stopp und schon Anbiss! Frieder Schwabe aus Lichtenstein presst seine Brust gegen die Reling, um festen Halt zu haben. In der straff gespannten Schnur seiner Angel zirrt hell der Wind, während in der Tiefe mit eindrucksvoller Flossenkraft ein Fisch sich vom Köderhaken frei kämpfen will – vergeblich. Der Angler hält den kräftigen Dorsch glücklich in Händen . „Mein erster Meeresfisch“, ruft er freudig übers Deck. „Und es ist mein bisher schönstes Urlaubserlebnis an der Mecklenburgischen Küste.“ Hierher war der Petrijünger mit seiner Familie aus dem Erzgebirge angereist und hat für schon bald einen weiteren Kutter-Platz gebucht. Eifrig werfen auch die weiteren Bordgäste ihre bunten Pilker aus. Darunter „alte Hasen“, wie der Berliner Hans-Joachim Gese und seine Vereins-Kumpels, die seit Jahren hierher kommen. Und erstmals auch trotz des behördlich verordneten Tages-Fanglimits von nur fünf Dorschen. „Det schreckt ma nich. Ick will ja keen Fisch vakofen“, berlinert Gese schalkhaft. Er sagt, auch früher waren nicht immer Fänge satt – „und dann bist du mit Null abgezogen“.

Das bestätigt Sabine Kubenz (76) aus Groß Köris bei Brandenburg. Auch sie sei seit vielen Jahren Stammkunde auf der „Moret“. „Doch dieses Mal kein Biss. Dafür erlebe ich wieder einen schönen Tag an frischer Seeluft in prima Gesellschaft. Und immer wieder gern“, sagt sie.

Um das Achterschiff lugt, einen dicken Fisch in der Hand, der weißbärtige Manfred Nietzmann grinsend um die Ecke. Und plötzlich hat die Anglerin doch einen der marmorierten Gaduse in ihrer Wanne. Mirko Papenhagen aus Rostock zieht noch einen Dickdorsch über die Reling. „Der fünfte für heute und Schluss“, sagt er „wegen der „Fangbremse“.

In „goldenen“ Zeiten überstieg nach Retzlaffs Schilderung die Nachfrage oft die Kapazität von zwölf Plätzen an Bord. Wegen der Fangbegrenzung bleiben nun viele zu Hause. Vor allem werktags. „Und das spürst du empfindlich in der Kasse“, sagt er. Um seine Stammkunden auch aus dem Süden der Republik bei der Stange zu halten, bietet er privat zusätzlich Besichtigungstouren mit kleinem Boot durchs Hafengeschehen an.


Saisonübergreifende Entwicklungspotenziale


„Aber Hochseeangeln ist nach wie vor begehrt“, unterstreicht er und weiß aus Erfahrung, dass Küstenangeltourismus – außerhalb der Dorsch-Laichzeit zwischen Februar und März – saisonübergreifende Entwicklungspotenziale haben könnte, wenn dazu nötige Hilfen von der Landespolitik kämen. „Doch daran hapert es gewaltig“, bedauert Retzlaff und verweist auf nicht eingehaltene Versprechen des Landwirtschafts- und Fischereiministeriums in Zusammenkünften mit Minister Till Backhaus (SPD) und dem Vorsitzenden sowie dem Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Landtag. „Der hüllt sich seit einem Meinungsaustausch am 12. März auch in Schweigen“, bedauert der Kapitän. Die geschmälerten Einkünfte würden empfindlich bei Reparatur und Instandhaltung der Schiffe fehlen. Er rechnet auf, dass vom Meeresangeln ja auch die Kommune profitiere: 19 Prozent an Steuern pro Passagier. Auf den Quadratmeter Liegefläche in Rostock kommen übers Jahr Gebühren von 42 Euro plus Kai-Nutzungsgebühren von 257 Euro.

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