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24. November 2017 | 12:30 Uhr

Auf der Jagd nach dem perfekten Bild

vom

svz.de von
erstellt am 26.Apr.2013 | 07:26 Uhr

Laage | Das wichtigste Utensil des Tages ist klein und gelb. "Hier, Ohrstöpsel, die hab ich immer dabei", sagt Matthias Birwe und kramt die Schaum-Kegel aus seiner Tasche. Die braucht er auch, bei der mehr als 120 Dezibel lauten Geräuschkulisse um ihn herum. Es ist kurz nach halb neun Uhr morgens, und bei dem 40-Jährigen aus NRW steigt langsam der Puls. Er kann schon hören, wie die Piloten des Jagdgeschwaders 73 in den Hangars ihre Jets starten, denn Birwe ist so nah dran wie sonst kein Zivilist. Seit das "Steinhoff"-Geschwader in Laage stationiert ist, kommt er jedes Jahr für zwei Tage mit Michael Brand und Thomas Kegel vorbei, um die Eurofighter aus der Nähe zu sehen - und das perfekte Foto von ihnen zu schießen.

Piloten grüßen mit Hilfe der Bremsklappe

Was dem Trio von der Luftwaffe ermöglicht wird, ist eine Ausnahme, das Ergebnis jahrelanger und vertrauensvoller Zusammenarbeit - und der Traum von tausenden Flugzeug-Begeisterten. Nur 20 Meter stehen Birwe und Brand von den Kampfjets entfernt, als die zur letzten Sichtkontrolle vor dem Start rollen. Die Augen der Männer glänzen, wenn sie nicht gerade hinter den Objektiven ihrer Kameras verschwinden. Auch wenn Michael Brand mittlerweile eine zweite, digitale Kamera mit nach Laage nimmt - fotografiert wird noch mit Film. "Denn es geht uns nicht darum, möglichst viele Aufnahmen zu machen. Statt Quantität zählt die Qualität", sagt er. Und die spricht sich herum. Von den Männern gemachte Fotos hängen nicht nur in den Räumen des Jagdgeschwaders selbst, sondern wurden auch in Magazinen und sogar in einem Bildband abgedruckt.

"Das ist für jeden Fotografen das i-Tüpfelchen", sagt Dirk Kahle. Er arbeitet in Laage und ist als Teileinheitsführer für alle Flugzeuge zuständig, die nicht zum Geschwader gehören. Kahle begleitet das Trio an beiden Tagen, fährt mit ihnen zu den idealen Foto-Positionen während der Start- und Landephasen. Dreimal heben die Eurofighter ab, den exakten Zeitplan haben die Besucher aus NRW und Bremen im Kopf. Schon früh am Morgen sind sie zur Vorbesprechung in Laage eingetroffen und haben jeden der beiden Tage durchgeplant. Eventuelle Änderungen werden bei den kurzen Kaffeepausen oder während einer Zigarettenlänge besprochen.

Im Lauf der vielen Jahre sind Freundschaften entstanden. Selbst die Piloten kennen die Fotografen - auf dem Weg zum Start geben sie Lichtsignale oder grüßen mit der Hand. Der Pilot der Maschine 30-47 bewegt extra die Bremsklappe auf und ab. Ein breites Grinsen erfüllt die Gesichter der Besucher, die sich nicht als Störenfriede, sondern als willkommener Teil der Truppe fühlen.

Die Dia-Aufnahmen der Jets füllen schon ganze Zimmer

Für die Reise nach Laage nehmen sie extra Urlaub. Birwe und Kegel sind bei der Polizei, Brand ist Finanzbeamter. Die Leidenschaft für militärische Flugzeuge fing bei allen dreien schon in der Kindheit an. "Ich war zehn, da fuhr mein Vater das erste Mal mit mir zum Militärflughafen Gütersloh", sagt Birwe. Genau wie Brand wuchs er in der Nähe auf. Bei den fast täglichen Besuchen am Zaun lernten sich die Männer kennen und trafen auf Wilfried Zetsche. "Er hat uns das Fotografische beigebracht", sagt Brand über die Anfänge. Von da an ließ sie beides nicht mehr los, gehörten Flugzeuge und Fotografie untrennbar zusammen. Mittlerweile haben die beiden Westfalen zu Hause jeweils ein eigenes Zimmer für ihre Dia-Sammlungen. "Klar, dafür braucht es verständnisvolle Partnerinnen", sagt Birwe, der in den Jahren, als er mit der Familie ein Haus baute, auch mal auf die Reise nach Laage verzichtet hat. "Das Hobby muss sich ins Leben einfügen - nicht umgekehrt", fasst es Kahle zusammen.

Die Eurofighter sind mittlerweile mehr als eine halbe Stunde in der Luft und absolvieren vorher festgelegte Übungen. Zu sehen oder zu hören sind sie nicht. "Mit dem Tiefflug, auch rund um Rostock, haben wir nix am Hut. Das sind die Tornados, die von anderen Geschwadern wie zum Beispiel Büchel kommen", sagt Kahle. Die in Laage ausgebildeten Piloten seien in etwa 3000 Metern Höhe unterwegs. Jeder Flug wurde vorher zweimal am Simulator geübt und wird nicht nur ausführlich vor-, sondern auch lange nachbereitet. Ziel ist es, dass die Piloten am Ende ihrer Ausbildung einen Status namens "combat ready" erreichen. "Das heißt, sie können im Ernstfall bei jedem Wetter, am Tag und nachts, in allen Höhen und bei allen Geschwindigkeiten Luftziele bekämpfen", sagt Kahle, während die Gruppe auf die Landung der Jets wartet.

Als Co-Pilot mitzufliegen - das ist der größte Traum

Michael Brand wirft sehnsuchtsvolle Blicke in Richtung Himmel. Denn am Boden hat er bereits perfekte Fotos geschossen. Aber mit einem solchen Eurofighter abzuheben und in der Luft vielleicht sogar einen Formationsflug für die Ewigkeit ablichten zu können, das ist ein bisher unerfüllter Traum. Birwe hatte schon mehr Glück und durfte bereits in einem Learjet mitfliegen. Die Bilder, die davon zeugen, gehören zu den besonderen Schätzen seines rund 20 000 Dias umfassenden Archivs. Aber auch der Besuch bei einem kanadischen Geschwader oder die Reise auf alle sowjetischen Militär-Stützpunkte der DDR kurz nach der Wende sind unvergessliche Erinnerungen.

Die teilen die Männer aber nicht nur untereinander, sondern geben sie als Zeugnisse der Militärgeschichte auch für Bücher weiter - so wie Birwes Foto von der letzten NVA- und der ersten Luftwaffen-Maschine nebeneinander. Solche auf Hochglanz gedruckten Zeitzeugnisse sind ein Grund dafür, wieso die drei Männer auch im nächsten Jahr wieder in Laage willkommen sein werden, wenn das Geschwader 30 Jahre Flughafen und zehn Jahre Eurofighter groß feiern will. Dann übrigens auch mit einem Schautag, bei dem jeder einmal die Faszination Flugzeugtechnik aus der Nähe erleben kann.

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