Arbeitsalltag im Krisengebiet

<strong>In Äthiopien beginnt</strong> der Tag für Stephan Gubsch um 8 Uhr im Büro.<fotos>Privat</fotos>
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In Äthiopien beginnt der Tag für Stephan Gubsch um 8 Uhr im Büro.Privat

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08. Januar 2013, 09:47 Uhr

Rostock | Seinen Job als Physiker hat Dr. Stephan Gubsch vorübergehend an den Nagel gehängt. Stattdessen arbeitet der Rostocker seit 2011 als Logistiker für die Nothilfeorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Vor Kurzem kehrte er von einem humanitären Hilfseinsatz in Äthiopien zurück, einem Land, in dem es immer wieder zu Unruhen kommt. NNN-Autorin Rebekka Poesch sprach mit dem 47-Jährigen über seinen Arbeitsalltag im Krisengebiet.

Sie sind erst vor Kurzem wieder nach Rostock zurückgekehrt. Was haben Sie am meisten vermisst?

Gubsch: Das gute Essen und den Komfort meiner Wohnung. In Äthiopien war das Essen eher langweilig. Es gab vor allem Ziegenfleisch mit Spaghetti und Reis als Beilagen, leider ohne Gemüse und jeden Tag fast genau dasselbe. Und die sanitären Einrichtungen waren sehr simpel. Es gab nur einfache Latrinen.

Wie kamen Sie auf die Idee, an einem Hilfseinsatz teilzunehmen?

Ich interessiere mich schon lange für Krisenhilfe und Entwicklungsarbeit. Und als 2011 mein Vertrag als Physiker an einem Forschungszentrum in Kiel auslief, informierte ich mich über "Ärzte ohne Grenzen". Ich erfuhr, dass Logistiker gesucht werden, und bekam Lust, mal etwas anderes auszuprobieren. Zuerst war ich für ein Jahr in Usbekistan, jetzt für zwei Monate in Äthiopien. Es ist schön, den direkten Erfolg meiner Arbeit zu sehen, wenn ich zum Beispiel ein Warenlager errichte oder eine Sicherheitsmauer baue. Das ist in der Wissenschaft nicht immer gegeben.

Warenlager errichten, Sicherheitsmauer bauen - welche Aufgaben haben Sie sonst noch als Logistiker bei "Ärzte ohne Grenzen"?

Ich bin für die Technik, die Versorgung und die Sicherheit verantwortlich. Zum Beispiel muss ich den Fuhrpark instand halten und organisieren, welches Fahrzeug wann wohin fährt. Zu meinen Aufgaben gehört es außerdem, für Nachschub zu sorgen - ob Medikamente, Ersatzteile oder Lebensmittel. Und auch für das Wachpersonal bin ich zuständig. Der Job ist vergleichbar mit dem eines technischen Leiters.

Wo in Äthiopien waren Sie tätig? Und wie war die Situation vor Ort?

Die Stadt heißt Wardher und hat etwa 18 000 Einwohner. Sie liegt in der Region Somali, etwa 100 Kilometer von der Grenze zu Somalia entfernt. Die Bevölkerung ist somalisch. Militärische Konflikte prägen die Region. Man sieht dort viele bewaffnete Polizisten und auch normale Leute, die Waffen tragen. Nachts hört man öfter einen Schuss.

Hat Ihnen das keine Angst eingejagt?

Nein. Mit der Zeit wird es normal. Für unser Team bestand nie direkte Gefahr. Denn "Ärzte ohne Grenzen" ist dort akzeptiert. Trotzdem durften wir tagsüber nur zu zweit und nach 18 Uhr gar nicht mehr in die Stadt gehen.

Wo waren Sie untergebracht?

Wir hatten ein eigenes Gelände, das von einem Sicherheitszaun umgeben war. Vorne befanden sich die Büros, hinten lag der private Bereich. Das Gelände wurde durch Wachpersonal gesichert.

Beschreiben Sie doch mal Ihren Arbeitsalltag!

Der Tag begann um 8 Uhr im Büro mit dem Checken der E-Mails. Anschließend stand ein Rundgang an, zum Beispiel durch die wenige Kilometer entfernte Klinik, wo wir einige Gebäude umstrukturiert und renoviert haben. Ich habe mit den Firmen gesprochen und kontrolliert, wie weit die Arbeiten sind. Zu meinem Job gehörte es auch, Ausschreibungen für Bauprojekte zu machen, Angebote zu sichten und Preisverhandlungen zu führen. Der Arbeitstag endete in der Regel gegen 18 Uhr mit dem Erstellen des Arbeitsplanes für den nächsten Tag. Da die Äthiopier eine 50-Stunden-Woche haben, war auch der Sonnabend oft ein Arbeitstag. Den Sonntag hatte ich aber in der Regel frei.

Wie haben Sie Ihre Freizeit verbracht?

Ich habe sie genutzt, um in die Stadt zu gehen. Oder ich habe mich auf dem Gelände aufgehalten, gelesen, gemailt und Musik gehört. Manchmal habe ich auch mit anderen Mitarbeitern einen Kaffee getrunken und mich mit ihnen unterhalten. Bei solch einem Einsatz entstehen auch Freundschaften.

Hat Ihnen der Einsatz so viel Spaß gemacht wie erhofft?

Er hat mir sehr viel Spaß gemacht. Die Teams waren international und die Leute sehr motiviert. Das ist ein schönes Arbeiten. Hinzu kommt, dass es mir leichtfällt, mich mit der neutralen Grundhaltung von "Ärzte ohne Grenzen" zu identifizieren. Die Nichtregierungsorganisation nimmt in militärischen Konflikten politisch keine Stellung ein und bewahrt strikte Neutralität gegenüber allen beteiligten Konfliktparteien. Das macht es möglich, auch in Gegenden Hilfe zu leisten, zu denen andere Organisationen keinen Zugang haben.

Erst Usbekistan, dann Äthiopien - was kommt als Nächstes?

Als Nächstes reise ich mit "Ärzte ohne Grenzen" in den Südsudan. Dort wird ein mobiles Team unterwegs sein, das sowohl Untersuchungen zur Schlafkrankheit macht als auch vor Ort gezielt Behandlungen durchführt. Ich werde das mit organisieren.

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