„Tag der Architektur“ Rostock : Arbeiten, leben und wohnen

Frank Vogel, Oberbauleiter des Projekts Physikalisches Institut.
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Frank Vogel, Oberbauleiter des Projekts Physikalisches Institut.

Am Wochenende lädt der „Tag der Architektur“ in Bauten und auf Baustellen ein. Führungen im Rostocker Institut für Physik

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25. Juni 2016, 08:00 Uhr

Die Physiker der Uni Rostock haben einen Dreier gewonnen: Ihr neues Institutsgebäude besteht aus drei Teilen, in denen sich hochmoderne Arbeitsbedingungen und Lebensqualität vereinen. Im ersten Haus wird experimentiert; im zweiten finden sich Hörsäle und Seminarräume; das dritte ist der interdisziplinären Fakultät „Life, Light and Matter“ (LLM) zugeordnet – dort forschen Mediziner, Biotechnologen, Chemiker und Experten anderer Fachgebiete gemeinsam.

Die drei Teile sind über gläserne Brücken verbunden. Der Entwurf stammt vom Dortmunder Büro Gerber Architekten, das schon zahlreiche Institutsgebäude in ganz Deutschland gebaut hat.

„Wir haben also Erfahrung mit solchen Projekten“, sagt Oberbauleiter Frank Vogel. „Und ich selbst bin ein technisch interessierter Mensch. Das muss auch sein, sonst bekommt man nicht genug Herzblut in so eine Aufgabe.“ Gemeinsam mit einem Team von etwa zehn Fachleuten hat er den Bau über sieben Jahre begleitet.

Solche Projekte bringen einen enorm hohen Abstimmungsbedarf zwischen Bau und Technik mit sich. „Da treffen sich zwei Welten: Die eine ist der Bau selbst, die andere sind die Rohrleitungen und Medien. Das ist enorm komplex“, erläutert Vogel.

Das Institut ähnelt anderen Gerber-Bauten: die Übergänge von geschlossenen und öffnenden Zonen, eine allgegenwärtige Verbindung von innen nach außen. „Selbst wenn man mitten im Gebäude sitzt, kann man in die Umgebung schauen. Wir koppeln die Orientierung innerhalb dieses großen Gebäudes auch an Außenpunkte“, erklärt Vogel weiter. Möglich wird dies durch riesige Glasfronten, eine zentrale Treppe, die die Menschen intuitiv durch das Haus leitet, und einen großen, grünen Innenhof.

Zusätzlich hat jedes der Gebäude neben sich eine große Freifläche, sodass die Nutzer nicht durch gegenüberliegende Fassaden bedrängt werden, sondern ins Freie schauen.

An diesem Wochenende bietet Vogel Führungen durch den Gebäudekomplex an, er wird mit den Besuchern Labore besuchen und bautechnische Highlights erklären: „Es gibt zum Teil entkoppelte Fundamente, weil Experimente in der Festkörper- und Laserphysik eine weitgehend schwingungsfreie Umgebung benötigen. Der Baukörper ist selbst extrem massiv, damit er nicht durch Einflüsse von außen beeinflusst wird. Zusätzlich stehen manche Forschungstische auf Schwingungslagern oder auf Helium-Blasen. Etliche Versuchsaufbauten sind – wie in einem Operationsaal – von einer Klimabox umgeben, in der an jedem einzelnen Punkt exakt dieselbe Temperatur herrscht.“

Hintergrund:

Am 25. und 26. Juni können große und kleine Bauprojekte besichtigt werden Jedes Jahr am letzten Wochenende im Juni öffnen Bauherren, Stadtplaner und Architekten in ganz Deutschland ihre Objekte. Interessierte Besucher können Privathäuser und Bürogebäude besuchen und Bauten besichtigen, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind. In Mecklenburg-Vorpommern stehen 45 Projekte auf der Veranstaltungsliste, unter anderem das neue Wohngebiet auf dem Gelände der Alten Brauerei in Schwerin, die ausgebauten Seitenflügel im Schloss Bothmer, aber auch eine Kita und sogar eine Urnenanlage in Rostock.

Die Aktion steht in diesem Jahr unter dem Motto „Architektur für alle“. „Wir wollen aufzeigen, welche Bedeutung Architektur für den Menschen hat“, sagt Joachim Brenncke, Präsident der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern. „Dimension, Gestaltung und Ausführung von Bauwerken sollten immer am Maßstab des Menschen bemessen werden. Ein Grund mehr, die unterschiedlichen Ansprüche an die gebaute Umwelt in den Vordergrund zu rücken und darüber mit allen Interessierten ins Gespräch zu kommen.“

An den beiden Tagen könnten die Besucher die Architektur nicht nur besichtigen, sondern erleben und begreifen. Es wird Führungen und Gespräche, Ausstellungen, Vorträge und Diskussionsrunden geben.

Das vollständige Programm im Internet unter http://www.architektenkammer-mv.de

Vor knapp einem Jahr wurde der Komplex eingeweiht. Die Wissenschaftler sind rundum zufrieden mit ihren neuen Arbeitsbedingungen. „Endlich sitzen wir hier alle an einem Ort statt über die ganze Stadt verteilt, es gibt keine Provisorien mehr“, sagt die Physikerin Dr. Viola von Oeynhausen. „Und das Interesse von außen ist auch schon gestiegen. Wenn wir zukünftigen Studenten unser Haus zeigen, kommen jetzt deutlich mehr als früher.“

Ein Projekt buchstäblich für jedermann stellen die Landschaftsarchitekten Steinhausen & Justi in Schwerin vor. Das Büro gestaltet im Auftrag der Stadt den Berliner Platz um. „Für uns ist der Platz sehr wichtig, weil er so groß und in diesem Stadtteil zentral gelegen ist“, sagt Reinhard Huß vom Stadtplanungsamt. Während der untere Teil noch unberührt liegt, ist der obere Platz inzwischen so gut wie fertig.

Doch seine Gestaltung war eine echte Herausforderung, sagt Gunda Justi: „Er hatte keine Struktur. Durch die umstehenden Hochhäuser entstehen unangenehme Windkanäle. Der Platz war nicht behindertengerecht gestaltet. Es wurde wild geparkt, und dazwischen fand der Markt statt.“ Die Idee war, den Platz für alle Altersgruppen einladend und gut nutzbar zu gestalten. Ein Oval entstand, geprägt von rötlichem Asphalt. „Die Farbe ist freundlicher als der normale schwarze Straßenbelag und passt sich besser der Umgebung an.“

Und auch mehr Grün als vorher wird es geben. In der Mitte ragt schon jetzt eine Platane empor – über 40 Jahre alt, genau wie der Platz selbst. Weitere große Bäume kommen demnächst dazu, unter anderem Gledizien. „Diese Bäume werden sehr groß, und sie können das Klima auf diesem Platz vertragen: den ständigen Wind, die Trockenheit und im Sommer die Hitze.“ Unter dem Baum sprießt Rasen – gut geeignet für ein kleines Picknick, meint Justi.

Begrenzt wird das Oval von extra angefertigten Betonblöcken, die genau Sitzhöhe haben. Jeder einzelne ist imprägniert gegen Graffiti, und durch die Form haben Skater obendrauf keine Chance. „Aber auf der Innenfläche sind Skater gern gesehen“, betont die Landschaftsarchitektin. „Die Nutzung durch viele Menschen ist das A und O, nur dann lebt der Platz.“

Bei der Gestaltung müsse man viele Belange verschiedener Gruppen beachten. „Wir können nicht die Probleme des Stadtteils lösen. Wir können nur einen Bereich vorgeben, den hoffentlich alle nutzen mögen.“ Für sie ist das Besondere an diesem Projekt, dass es während des gesamten Prozesses immer wieder Änderungen gab. Seit dem Herbst 2015 läuft die Umgestaltung, am 19. August wird der Platz offiziell eingeweiht.

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