Marienkirche : Apostel müssen in die Werkstatt

Uhrmachermeister Helmut Langner (l.), Experte Eckehard Koch: Lockere Lager, Zahnräder mit Spiel.
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Uhrmachermeister Helmut Langner (l.), Experte Eckehard Koch: Lockere Lager, Zahnräder mit Spiel.

Jahrhundertealte Mechanik der Astronomischen Uhr wird restauriert / Auch für die Holzfiguren ist es Zeit für eine Frischekur

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04. September 2015, 08:00 Uhr

Apostel Petrus liegt mit dem Schlüssel zum Himmelreich in der Hand auf einer Bank vor dem Altar. Die rote Farbe seiner Kleidung ist ein wenig angestaubt. Aber ansonsten ist Restaurator Markus Mannewitz mit dem Zustand der Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert zufrieden. Er sagt: „Johannes hat es schlimmer getroffen. Ihm fehlt ein halber Arm.“

In der Marienkirche haben gestern die Restaurierungsarbeiten an der Astronomischen Uhr begonnen. Innerhalb der kommenden sechs Wochen wird zunächst das Werk überholt, das die Apostel jeden Tag um 12 Uhr mittags auf ihren Umgang schickt. Später sollen Instandsetzungsarbeiten auch an den weiteren Uhrwerken folgen, die das Tagesdatum, den Stundenschlag und den Kalender antreiben.

Großuhr-Experte Ekkehard Koch aus Georgsmarienhütte (Niedersachsen) hat das 1427 gebaute technische Denkmal intensiv untersucht. Er legte ein 130 Seiten starkes Gutachten mit 1000 Fotos vor. Koch ist von der Astronomischen Uhr begeistert: „Sie ist etwas ganz Besonderes – auch weil sie noch mit dem ursprünglichen Antrieb funktioniert.“ Die Uhr werde gut gepflegt und befinde sich insgesamt in einem guten Zustand. Gutachter Koch hat aber auch aufgezeigt, wo Handlungsbedarf besteht.

Der Uhrmacher Helmut Langner hat jetzt zunächst das Apostelwerk ausgebaut und die Einzelteile in seine Schwaaner Werkstatt mitgenommen. Er wird sich um die Zahnräder kümmern, die im Lauf der Zeit zu viel Spiel bekommen haben, um die lockeren Lager und weitere Schäden, die von außen gar nicht sichtbar sind. „Dabei kommt es auf die denkmalgerechte Restaurierung an“, sagt Langner. Uhr-Experte Koch erklärt, warum die geschmiedeten Einzelteile so großen Belastungen ausgesetzt sind: „Um Punkt 12 Uhr startet das Apostelwerk mit einem Ruck – so als würde ein Auto mit Vollgas losfahren und erst bremsen, wenn es zurück in der Garage ist.“

Der Apostelumgang stammt aus der Zeit, als die Astronomische Uhr 1643 erweitert wurde. Zuletzt grundlegend überholt wurde sie von 1970 bis 74. Heute ziehen fünf Helfer der evangelisch-lutherischen Innenstadtgemeinde die Uhr jeden Tag auf. Es ist eine schweißtreibende Arbeit: 300 Kurbelschläge sind notwendig, um die bis zu 62 Kilo schweren Bleigewichte wieder nach oben zu ziehen. „Die Uhr läuft sehr zuverlässig“, sagt Marien-Pastor Tilman Jeremias. Aber auch an den Werken, ihren Walzen und Rollen, sollen nach den Empfehlungen von Gutachter Koch Ausbesserungen vorgenommen werden. So laufen beispielsweise Stahlseile über die Rollen aus Holz, wo eigentlich Seile aus Hanf hingehören. Der Stahl aber habe sich, so Pastor Jeremias, mittlerweile ins Holz geschnitten.

Während nun zunächst die Mechanik des Apostelwerks ausgebessert wird, kümmert sich Restaurator Mannewitz um die abmontierten Holzfiguren. Behutsam wird er den Staub von Petrus’ Oberfläche entfernen. Nur Johannes wird weiter mit dem halben Arm auskommen müssen. Mannewitz sagt: „Ohne ein Foto oder eine Zeichnung ist eine Ergänzung sehr schwierig.“

Extra: Vermisste Engel

Die Innenstadtgemeinde ist auf der Suche nach zwei Engeln, die mittags an den Seiten des Apostelumgangs ursprünglich erschienen sind. Bei Restaurierungsarbeiten in den 1970er-Jahren waren sie noch da, irgendwann verschwanden die wertvollen Holzfiguren aus der Barockzeit. Uhrmachermeister Helmut Langner: „Es sind kleine, kaum
zu sehende Figuren, aber sie gehören ja dazu.“

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