zur Navigation springen

Investoren planen Feriensiedlung bei Breege : Anwohner wollen kein Erlebnisdorf

vom

Eine weitere Feriensiedlung soll den ersehnten Gästeansturm für Breege bringen. Investoren wollen am Breeger Bodden nun noch eine neue Siedlung hochziehen.

svz.de von
erstellt am 03.Dez.2011 | 03:37 Uhr

Rügen | Das etwas abseits gelegene Seebad Breege galt einst als Ort der Seefahrer und reichstes Dorf Rügens. Ein paar schmucke Kapitänshäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert künden noch heute vom früheren Pomp. Gut zwei Jahrzehnte nach der Wende hat Breege mit einer Admiralsresidenz nachgerüstet. Die neue Siedlung direkt am Breeger Bodden lädt jetzt betuchte Gäste zum Urlaub in reetgedeckte Ferienhäuser ein. Doch der Gästeansturm in Breege blieb bislang überschaubar. Das Geschäft laufe schlecht, sagt ein Hotelier. Hochbetrieb herrsche nur zwei Monate lang im Sommer. Im Ort scheinen Verkaufstafeln an leergeräumten Pensionen und Ferienwohnungen die Tourismusflaute zu bestätigen.

Nun soll ausgerechnet eine weitere Feriensiedlung den ersehnten Gästeansturm für Breege bringen. Noch sind Rügens umstrittene touristische Großprojekte in Prora, in Sassnitz-Dwasieden oder auf dem Bug gar nicht gebaut, da wollen Investoren am Breeger Bodden nun noch eine neue Siedlung hochziehen. Auf über 14 Hektar, so die der Redaktion vorliegenden Pläne der seit vergangener Woche im Handelsregister stehenden Meerprojekt GmbH, sollen 75 Ferienhäuser mit 300 Betten errichtet werden. Gleich daneben ein Museumsdorf, das pro Jahr 100 000 bis 150 000 Besucher anlocken soll. Geschäftsführer Horst Stricker, der mit dem aus Hamm stammenden Projektentwickler Hans Jürgen Herrmann schon andere Großprojekte in Glowe und Breege bauen ließ, spricht von Investitionen in Höhe von 21 Millionen Euro. "Aus unseren bisherigen Erfahrungen", sagt der 58-Jährige, "werden etwa 90 000 Euro Jahreseinnahmen aus Kurtaxe in die Gemeindekasse fließen".

Den Schlüssel zum Erfolg soll ein mittelalterliches Museumsdorf als Besuchermagnet liefern. Möglichst schon im kommenden Frühjahr sollen Handwerker nach traditionellen Techniken eine acht Hektar große historische Siedlung mit einem kleinen slawischen Handelsstützpunkt errichten, ein "Freilichtmuseum und Erlebnisort" mit Palisadenbefestigung und Toranlage sowie diversen Block, Bohlen- und Flechtwandhäusern, in denen man Handwerkern bei der traditionellen Fertigung über die Schulter schauen kann. Händler sollen für ein historisches Marktreiben sorgen, und in einer Schenke soll über offenem Feuer Hafer-, Gersten- und Hirsebrei gekocht werden.

Für Madeleine Lehrmann, die seit 47 Jahren in ihrem Geburtshaus am Südrand von Breege wohnt, ist das Museumsdorf lediglich "ein nie und nimmer funktionierender Vorwand für den Bau einer neuen Bettenburg auf der Insel". Empört ist die Frau, die selbst in der Gastronomie arbeitet und die Sorgen der Branche kennt, aber vor allem darüber, dass das Projekt mitten auf der grünen Wiese in die Landschaft gesetzt werden soll. "Vor sieben Jahren hatte mein Vater sechs Hektar Bodenreformland gleich hinter dem Schilfgürtel an eine niedersächsische Firma verkauft", sagt sie. Nun sollen auf diesem Rückzugsgebiet für Graugänse, Kraniche und Reiherenten die Bagger anrücken. "Unsere letzten Naturräume werden dem Kommerz geopfert", bedauert sie.

Da werde ein Präzedenzfall geschaffen, kritisiert Arndt Müller vom BUND. In schamloser Weise werde ein Tabu gebrochen, indem ausgerechnet im Außenbereich einer Gemeinde eine touristische Splittersiedlung hochgezogen werde. Empört ist auch Rügens Bauamtsleiter Rainer Roloff, der unter anderem die Baupläne für ein viergeschossiges Eingangsgebäude auf freiem Acker kritisiert, das die Planer in Form einer Windmühle als Firmensitz bauen wollen, höher als jedes Haus in Breege. "Kommt das Projekt, dann ist für Rügen zu befürchten, dass Begehrlichkeiten gleicher Art an anderen landschaftlich attraktiven Standorten entstehen", warnt Roloff. Auch der Bauernverband und sogar der Tourismusverband lehnen das Vorhaben ab. Man begrüße es zwar, wenn sich Investoren engagierten, aber bitte nicht mit solch überdimensionierten Projekten auf der grünen Wiese, sagt Ralf Hots-Thomas, Chef der Tourismuszentrale Rügen. Er fürchte zudem für Breege ein Verkehrschaos in der Hochsaison.

Doch die Chancen, das Vorhaben noch zu verhindern, stehen schlecht. Denn dem Flächennutzungsplan hat das Land schon vor Jahren zugestimmt. Das seien noch Zeiten gewesen, sagt ein Insider, als das Wirtschaftsministerium in Schwerin um jeden neuen Investor gebuhlt und zweifelhafte Pläne einfach durchgewunken habe. Ein Raumordnungsverfahren sei nicht erforderlich, urteilte das Amt für Raumordnung und Landesplanung Vorpommern schon im Oktober 2006.

Arndt Müller wirft auch dem Verkehrsministerium von Volker Schlotmann (SPD) Versäumnisse vor. "Es hat das Vorhaben Breege von einem wichtigen Genehmigungsschritt, einem Raumordnungsverfahren, ganz einfach freigestellt. Das ist rechtswidrig", meint Müller. Im Ministerium heißt es dagegen: "Ein Raumordnungsverfahren ist nicht erforderlich, da das Vorhaben keine relevanten überörtlichen Auswirkungen hat."

Wer wirklich hinter dem Museumsdorf Breege steckt, darüber gibt sich Planer Stricker bedeckt. Nur soviel: Das Geld käme vor allem von Investoren auf Rügen, auch aus Breege, sagt er. Dass ausgerechnet die Gemeinde noch ein Veto einlegt, glaubt in Breege kaum noch jemand. Der Gemeinderat sei doch fest in der Hand von Gastronomen und Hoteliers, sagt ein Einwohner. Da hoffe doch jeder, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. "Über die Baupläne wurden wir Dorfbewohner bis heute gar nicht richtig informiert."

Auch der amtierende Bürgermeister Siegfried Plambeck, (Wählergemeinschaft Bürger für Breege) und selbst Hotelier, verweigert die Auskunft. Über seinen Sohn Elias, der vor sechs Jahren nach einer folgenschweren Alkohol- und Drogenfahrt wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt wurde, lässt Plambeck verkünden, man äußere sich einfach nicht. Die Familie habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen