Eklat im Rostocker Gerichtssaal : Angeklagter droht Richter Schläge an

Angeklagter Karsten T. (44) mit seinen Verteidigern: Den Richter bschimpfte er so heftig, dass die Verhandlung unterbrochen werden musste.Georg Scharnweber
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Angeklagter Karsten T. (44) mit seinen Verteidigern: Den Richter bschimpfte er so heftig, dass die Verhandlung unterbrochen werden musste.Georg Scharnweber

Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt: Im Januar 2012 soll ein Vater seine Tochter aus dem Fenster geworfen haben. Seit Juni sitzt er im Rostocker Landgericht auf der Anklagebank. Jetzt ging er auf den Richter los.

svz.de von
16. Juli 2012, 08:59 Uhr

Rostock | Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt, weit über Rostocks Grenzen hinaus: Am 11. Januar 2012 soll ein Vater seine dreijährige Tochter über die Balkonbrüstung seiner Wohnung hinweg acht Meter in die Tiefe geworfen haben. Im Rostocker Plattenbaugebiet Groß Klein. Der 43-Jährige sitzt seit Januar in Untersuchungshaft und seit Juni wegen versuchten Totschlags im Rostocker Landgericht auf der Anklagebank.

"Glotz mich nicht so an, sonst hau’ ich dir aufs Maul!"

Eigentlich wollte er nichts sagen in diesem Prozess. Deshalb hat das Gericht eine ganze Reihe von Zeugen geladen. Doch am gestrigen zweiten Verhandlungstag sagt der bis dahin eher schüchtern wirkende Mann dann doch etwas. Kaum mehr als einen Satz - aber den schleudert Karsten T. in Wut dem Vorsitzenden Richter Peter Goebels entgegen. Nach vielen Prozess-Stunden, als einige der Zuschauer im stickigen Sitzungssaal schon gegen aufkommende Müdigkeit ankämpfen. Da bricht aus ihm heraus, was alle auf einen Schlag hellwach werden lässt: "Glotz mich nicht so an, sonst hau` ich dir aufs Maul!". Als Karsten T. Anstalten macht aufzustehen, weist der Richter die Wachleute an, dem Angeklagten die Fußfesseln wieder anzulegen und ordnet zehn Minuten Pause an. Damit T. sich beruhigt. Die beiden Verteidiger versuchen, besänftigend auf ihn einzuwirken.

Zuvor war unter anderem seine ehemalige Lebensgefährtin vernommen worden. Die heute 26 Jahre alte Kindesmutter hatte geweint, als sie von dem Augenblick berichtete, an dem sie im Januar am Wohnblock eintraf. Die Polizei war schon da, der Notarzt auch. T., der auf das kranke Kind aufpassen sollte, hatte sie angerufen mit der Bemerkung, dass die Kleine verschwunden sei. Zu dem Zeitpunkt war das Kind bereits von Zeugen auf dem Rasen gefunden und in eine Nachbarwohnung gebracht worden. Den Sturz selbst hatte niemand beobachtet. Das Kind hatte den Fall ohne lebensbedrohliche Verletzungen überlebt. Die Ermittler fanden später Hinweise darauf, dass der nur wenige Meter vom Balkon entfernte Baum den Fall abfederte. Der Richter macht aber auch deutlich, dass das Kind nicht von allein auf den Baum hätte gelangen können. Die Entfernung zwischen dem Balkon und dem Baum betrage etwa zwei Meter.

Die junge Mutter erzählt von rund 6000 Euro Schulden, die ihr Ex-Partner bei Internetbestellungen auf ihren Namen gemacht habe, für die sie allein aufkommen musste. Das sei ein Trennungsgrund gewesen. Aber sie beschreibt ihn auch als "liebevollen Vater", der "niemals" ausgerastet sei. Das Kind habe regelmäßig an den Wochenenden bei ihm gelebt. Öfter habe sie ihm auch einen oder alle zwei ihrer Hunde überlassen. Und nein, überfordert sei er nicht gewesen. Auch wenn die Wohnung - was die Polizei auch auf Lichtbildern festhielt - offenbar in einem völlig verwahrlosten Zustand war.

"Papa hat mich aus dem Fenster geschmeißt". Das sei der erste Satz gewesen, den ihr die Tochter im Krankenhaus gesagt habe. Ein Satz, den verschiedene Zeugen so oder so ähnlich hören. Ob sie ihrem Kind geglaubt habe, will der Richter wissen. Die junge Frau zögert. "Ich konnte es mir nicht vorstellen", sagt sie dann. Inzwischen besucht sie ihren Ex-Partner regelmäßig im Gefängnis. Sie hatte auch schon die Kleine mit dabei.

Mutter nimmt Sohn in Schutz

Karsten T. hat von Anfang an gesagt, er könne sich an nichts erinnern. Er leide an Diabetes und habe wohl so was wie einen Zuckerschock gehabt. Seine eigene Mutter sagt gestern als Zeugin: "Ich weiß, dass er es nicht war, weil ich meinen Sohn kenne". Von Schulden aber habe sie nichts gewusst. Und wieso unordentliche Wohnung? Wenn sie dort war, sei es immer aufgeräumt gewesen. Und seine Tochter sei sein Ein und Alles. Ihr Sohn sei nicht nur Diabetiker, sondern habe nach einem Autounfall auch einen Schwerbehinderten-Ausweis. "Für mich ist es mein Kind", sagt sie über den 43-Jährigen. "Und das bleibt er auch!"

Der Richter fragt beharrlich nach. Das scheint der Frau nicht zu gefallen. Sie wird ein bisschen unwirrsch. Da maßregelt der Richter die Zeugin - sachlich, aber bestimmt. Das ist der Moment, in dem ihr Sohn nicht mehr an sich halten kann und oben zitierten Satz dem Richter entgegen schleudert. "Wenn mich jemand angreift, dann flippt er aus", versucht die Mutter zu erklären.

In dem Verfahren soll auch ein Psychiater als Sachverständiger gehört werden. Bis Ende August sind noch vier Prozesstage geplant.

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