Flüchtlinge in MV : Am Morgen ist die Hölle los...

Kurz vor dem Aufbruch: Übersetzer Jamal sorgt dafür, dass die Flüchtlinge auf die Fähre kommen.
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Kurz vor dem Aufbruch: Übersetzer Jamal sorgt dafür, dass die Flüchtlinge auf die Fähre kommen.

In Rostock helfen Studenten Tag für Tag Flüchtlingen – aber was, wenn in zwei Wochen die Uni startet?

svz.de von
25. September 2015, 12:00 Uhr

Inmitten des tristen Rostocker Industriehafens wirkt das Terminal wie ein angenehmer Farbtupfer. Die Außenfassade ist in einem kräftigen Orange gehalten. Eine Treppe führt zum Eingang des Terminals. Gesine wartet, bis sich die Schiebetür öffnet. „Du machst die Schicht ab 9.30 Uhr?“ fragt sie mich. Sie ist erschöpft, man sieht es an ihren Augen. Sie trägt eine gelbe Warnweste, darunter eine Strickjacke mit einem kleinen Aufnäher über der rechten Tasche: „Refugees welcome“, Flüchtlinge willkommen. Nach einer kurzen Vorstellung steckt sie sich eine Zigarette an, der erste Zug beruhigt sie merklich. „Heute Morgen war hier die Hölle los. Zwei neue Helfer und so viele Flüchtlinge. Ein einziges Durcheinander.“ Wie oft am Morgen, bevor die Fähre geht...

Studenten helfen in der gesamten Stadt

Seit zwei Wochen engagieren sich Hunderte Studenten der Uni in Rostock in der gesamten Stadt für Flüchtlinge. Tag für Tag. Die Nächte sind kurz, manchmal bleiben sie bis zwei Uhr morgens, um vier Stunden später wieder am Terminal zu sein. Sie unterstützen die Flüchtlinge bei ihrer Weiterfahrt nach Schweden, regeln den Ticketkauf, den Transfer zur Fähre, schmieren Stullen, kochen, helfen bei Behördengängen, sind in der Notunterkunft im Institutsgebäude „Alte Physik“ an der Seite der Helfer vom DRK – manchmal reicht auch ein Lächeln.

Gesine ist eine von ihnen. Sie ist Mitglied der Aktion „Rostock hilft“, ein Zusammenschluss ehrenamtlicher Helfer, der sich über Facebook organisiert. Es gibt Schichtpläne für alle neuralgischen Punkte in der Stadt: Hauptbahnhof, Unterkünfte, Spendenannahme, Fährhafen. Jeder kann sich online eintragen, die Anmeldung ist verbindlich. Die Aktion erreichte in wenigen Tagen 8700 Likes - „Gefällt mir“-Angaben.

Gesine drückt die Zigarette aus. Durch die Schiebetür gelangen wir in das Terminal. Es ist stickig und laut. 120 Flüchtlinge warten auf ihre Weiterreise. Am Nachmittag gehen zwei Fähren nach Trelleborg. Viele kauern auf dem Boden, haben sich ihre Jacken über den Kopf gezogen, um trotz des Tageslichts Schlaf zu finden. An den Wänden hängen Bilder, gemalt von Flüchtlingskindern: „Wir wollen Frieden in Syrien“, „Danke, Deutschland.“

Jugendliche laden ihre Telefone in einem Verteiler, zwölf Handys gleichzeitig. Einige skypen mit ihren Familien in der Heimat, vielleicht sind auch sie auf der Flucht. Neben dem Ausgang blickt ein Mann auf seinen Kompass, richtet einen kleinen Teppich aus und fängt an zu beten.

Gesine geht voran, nebenan ist ein Bistro. „Wir machen jetzt eine kleine Einführung.“ Am Tisch sitzen zwei weitere Helfer für die nächste Schicht, Ole und Mitch. Die beiden Studenten haben schon öfter am Fährhafen ausgeholfen. Sie erklären das Prozedere. Gegen 12 Uhr würden noch einmal 30 Flüchtlinge kommen, sie bekämen dann einen Zettel, auf dem sie ihre Namen eintragen sollen. „Am besten immer in kleinen Gruppen zu sechs Personen“, sagt Mitch: „Danach sammeln wir von jedem das Geld ein, schreiben eine Nummer auf den Zettel und auf die Hand jedes Mitglieds der Gruppe und kaufen die Tickets. Bei der Übergabe muss dann nur die Ziffer überprüft werden.“ Wie bei Ikea im Småland, lacht er. „Wenn jeder einzeln an den Schalter ginge, würde das ewig dauern – auch wegen der Sprache.“

Nach der Einweisung gehen wir nach draußen. Es ist noch Zeit, bis die nächsten Flüchtlinge kommen. Gesine geht in das Kochzelt, das neben dem Terminal errichtet wurde. Dem Koch und seinen drei Helfern steht eine mobile Küche zur Verfügung, auf 15 Quadratmetern versorgen sie Helfer und Flüchtlinge. Es gibt Reis, Linsen und Ratatouille, für den Abend wird eine Kürbissuppe vorbereitet. Im Radio läuft „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Auf einer Bierbank steht Kaffee und ein Bottich mit heißem Wasser, daneben Teebeutel. Gesine bedient sich, heute Morgen hat die Zeit nicht mehr für ein Frühstück gereicht.

Jamal aus Köln ist seit einer Woche in Rostock

Inzwischen ist Jamal eingetroffen. Ein Syrer, vor 20 Jahren nach Deutschland geflohen, „wegen der Politik“, sagt er. Eigentlich ist er Koch in Köln, zurzeit hat er Urlaub. Er sei in Hamburg am Hauptbahnhof gewesen, erzählt Jamal, „dort hat mich eine Familie angesprochen, ob ich sie nicht nach Rostock zum Fährhafen begleiten kann. Sie wollten nach Schweden fliehen. So bin ich hier gelandet.“ Seit über einer Woche ist Jamal in Rostock, hat seinen Urlaub inzwischen sogar verlängert. Er hilft als Übersetzer, spricht neben Deutsch noch Kurdisch und Arabisch. Jamal ist jeden Tag am Fährhafen, meist von morgens bis in die Nacht. Wann er wieder nach Köln fährt, weiß er noch nicht. „Ich muss hier helfen. Mein Chef sieht das ein.“

Das Gespräch wird unterbrochen, als die neuen Flüchtlinge ankommen. Jamal ist sofort von einer Menschentraube umzingelt, parliert in mehreren Sprachen. Einige umarmen ihn; er nimmt den Neuankömmlingen ihre Nervosität. Der Ticketkauf funktioniert reibungslos; selbst wenn die meisten der Flüchtlinge kaum Englisch sprechen können, bei der Übergabe der Fahrkarten heißt es immer wieder „Thank you, thank you“. Einige der Flüchtlinge stellen sich vor die Helfer und zeigen auf ihre Handykamera, sie wollen ein Erinnerungsfoto. Gesine sackt in sich zusammen, als die Busse mit den Flüchtlingen in Richtung Fähre fahren.

„Weißt Du, was das Problem ist“, fragt sie mich, „in zwei Wochen geht die Uni los. Hier helfen fast nur Studenten. Wer soll sich dann kümmern?“ Am Dienstag fand bereits ein Treffen der Gemeinschaft von „Rostock hilft“ mit Oberbürgermeister Roland Methling und Senator Steffen Bockhahn statt. Heute gibt es einen neuen Termin. Die Zeit drängt.

Mehr zur aktuellen Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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