Safari auf der „Tonia“ : Am Horizont ruhen die Robben

Meeresbiologin Dr. Frederike Hanke untersucht auf dem Forschungsschiff „Lichtenberg“ das Verhalten der Robben.
1 von 3
Meeresbiologin Dr. Frederike Hanke untersucht auf dem Forschungsschiff „Lichtenberg“ das Verhalten der Robben.

Vor dem Windpark „Rødsand I“ in der Nähe der dänischen Küste tummeln sich die Meeressäuger. Tobias Weiß geht mit der „Tonia“ auf Safari durch das Revier

svz.de von
10. September 2017, 09:00 Uhr

Die Sonne brennt. Es ist einer der wenigen Sommertage in diesem Jahr. Im Rostocker Stadthafen ruhen vereinzelt kleinere Schiffe an der Pier. Zu ihnen gehört auch die „Tonia“. Der Katamaran, der in den Wintermonaten auf die Kanaren verschwindet, schippert im Sommer über die Ostsee. Bootsführer Tobias Weiß will heute zu einer Robbensafari aufbrechen. Zehn Kilometer westlich vom dänischen Gedser, am nördlichen Rand des Seewegs zwischen Kadetrinne und Fehmarnbelt, liegt der 24 Quadratkilometer große Windpark „Nysted Havmøllepark“, auch bekannt als „Rødsand I“. Auf der Sandbank davor tummeln sich zahlreiche Robben.

Der Duft nach frisch gebrühtem Kaffee zieht über das Deck. Die ersten Gäste haben ihre Schlafkojen bezogen. Sie sind seit gestern an Bord des Seglers. Zu ihnen gehört Dagmar Hirte, 66 Jahre alt, Anästhesistin aus Dömitz. Vor sieben Jahren ist ihr Mann verstorben. Er sei ein Freund schöner Schiffe gewesen. Anfangs fiel es Dagmar schwer, sich zu öffnen, alleine auf Reisen zu gehen. Aus Angst vor der Einsamkeit tat sie es dann doch. „Ich weiß nie, wen ich treffe, ob ich akzeptiert werde“, erklärt sie sich.

Auf der „Tonia“ ist die Begegnung intensiv: Bis zu neun Personen schlafen in fünf Räumen fast nebeneinander. Sie kochen gemeinsam, sie putzen gemeinsam, sie segeln gemeinsam. An Bord ist jeder gleich, unabhängig von Herkunft, Berufsstand, Alter. Jeder wird geduzt. Jeder muss mit anpacken. Dagmar erinnert sich an die Segeltouren, die sie, ihr Mann und die drei gemeinsamen Kinder über die Schweriner Seen unternommen haben. In ihren Erinnerungen schwingt Wehmut mit. „Ich hatte viel Glück in meinem Leben: Das Medizinstudium, der Mann und ich bin stolz auf meine Kinder“, sagt sie.

Im Marine Science Center leben insgesamt neun Seehunde.
Im Marine Science Center leben insgesamt neun Seehunde.
Bevor die „Tonia“ gen Dänemark segelt, bekommt die Crew Verstärkung von vier weiteren Gästen. Für Elke Herold ist der Trip eine Überraschung. Ihr Mann Uwe habe den zweitägigen Ausflug ohne ihr Wissen einfach gebucht. Nicht ganz uneigennützig: „Er hat einen Bootsführerschein und als ehemaliger Rettungsschwimmer ist er dem Wasser sehr verbunden“, verrät Elke. „Dafür wohnen wir nur falsch.“ Das Paar kommt aus Zwickau.

Bis der Katamaran über die spiegelglatte Warnow das offene Meer erreicht, vergeht eine gute Stunde. Tobias Weiß setzt das Segel. Bis zu 20 Knoten könne die „Tonia“ erreichen. Doch heute fehlt der Wind. Mit zwölf Kilometern pro Stunde gleitet sie über das tiefblaue Meer. Die Luft ist klar, die Lippen schmecken nach Salz. Die Crew genießt die Weite, am Horizont zeichnet sich die Skyline von Warnemünde ab. Der Kapitän schaltet auf Autopilot. Das seichte Schaukeln des Katamarans wiegt einen Teil der Besatzung in den Schlaf. Und auch Tobias gönnt sich eine Pause. Er war Bundeswehrsoldat, bevor er Nautik studierte und bei der Charter und Sail UG einstieg. Zu der Robbensafari bricht er zweimal im Monat auf.

Nach fünf Stunden ankert die „Tonia“ in der Nähe der Sandbank. Wer tauchen, schwimmen, kiten oder Stand- up Paddling ausprobieren will, hat jetzt die Möglichkeit. Tobias hat das Equipment dabei. „Wir machen auch Tauch- und Surfreisen“, erklärt er. Elke sitzt mit dem Fernglas am Heck und fokussiert die Sandbänke. Die Meeressäuger hat sie schnell entdeckt.

„In der südlichen Ostsee gibt es Seehunde und Kegelrobben, im Norden auch die Ringelrobbe“, erklärt Dr. Frederike Hanke vom Marine Science Center in Hohe Düne. Die Wissenschaftlerin studiert das Verhalten der Tiere. Dass sich Robben in der Nähe von Windparks aufhalten, sei nicht ungewöhnlich. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Robben während der Bauphase der Windkraftanlagen aus dem Gebiet verschwinden, aber kurze Zeit später ganz bewusst in den Windpark hineinschwimmen. Wir vermuten, dass sie dort Futter finden.“

Frederike Hanke hat ihr Büro auf dem Forschungsschiff „Lichtenberg“ in Rostock. Sie gehört dort der Arbeitsgruppe „Sensorische und kognitive Ökologie“ an: „In erster Linie betreiben wir Grundlagenforschung. Wir wollen die Tiere verstehen. Denn nur das, was man kennt, kann man lieben und schätzen“, so die Meeresbiologin. Die Wissenschaftler führen unter anderem Verhaltensexperimente durch, um herauszufinden, wie die Sinnessysteme der Robben mit deren amphibischer Lebensweise im Wasser und an Land harmonieren. „Daraus können wir schlussfolgern, welche Informationen die Tiere nutzen, um sich in dem für uns schwer zugänglichen Lebensraum ,Meer’ zurechtzufinden.“ In einem Test bekommen die Tiere zwei Schilder gezeigt. Auf dem einen sind horizontale, auf dem anderen vertikale Streifen. Sie werden darauf trainiert, ihren Kopf zu dem Schild mit den horizontalen Streifen zu neigen. Belohnt werden sie dafür mit Fisch. „Die Streifen werden von Mal zu Mal schmaler. Irgendwann verschwimmen sie zu einem Grau. Dann rät das Tier nur noch. Wir lernen, was die Robben aus welcher Entfernung sehen und wahrnehmen können und was nicht“, verdeutlicht Frederike Hanke. Natürliche Feinde haben die Robben in der Ostsee keine. Sie fühlen sich dort wohl, wo sie ausreichend Fisch und Ruheflächen finden. Sandbänke seien dafür ideal. Wer genau hinsehe, könne feststellen, dass gerade Seehunde Einzelgänger sind und Sicherheitsabstand zu ihren Artgenossen halten. Auf Sandbänken lägen sie deshalb nie direkt nebeneinander. „Sie kommen dort nur zusammen, weil es insgesamt nicht so viele Sandbänke gibt“, erläutert Frederike Hanke.

Während die „Tonia“ in der Abendsonne in den Bootshafen von Gedser einläuft, lassen sich die Robben vereinzelt auch im Wasser blicken. Bis zu 30 Minuten können sie tauchen, dann müssen sie wieder Luft holen. Nach einem gemeinsamen Barbecue verschwindet die Besatzung in die Kojen. Doch morgen ist ein neuer Tag. Dann geht es zurück nach Rostock. Und auch hier verspricht Tobias „garantiertes Robbengucken“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen