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Vor 70 Jahren: Bomben auf Rostock : Als Rostock im Feuersturm versank

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Die Spuren im Stadtbild sind längst verschwunden. Aber die Erinnerungen bleiben: 70 Jahre ist es her, dass britische Bomber die stolze Hansestadt Rostock in ein Trümmerfeld verwandelten.

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erstellt am 21.Apr.2012 | 02:35 Uhr

Rostock | Zu Kriegsbeginn 1939 hatte der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring, im Radio getönt: "Wenn auch nur ein feindliches Flugzeug unser Reichsgebiet überfliegt, will ich Meier heißen!" Rostock musste nur zweieinhalb Jahre später bitter für den Hochmut der Naziführung zahlen.

Vier Nächte lang griff Bomber Command die Stadt an. Görings Luftwaffe hatte dem nichts entgegenzusetzen. Vier Nächte hintereinander luden insgesamt britische 461 Flugzeuge 113 805 Bomben, darunter mehr als 108 000 Stabbrandbomben, ab. Schon nach der dritten Nacht am 26. April 1942 war die historische Innenstadt fast komplett vernichtet.

216 Menschen, zumeist Zivilisten, sollen nach offiziellen Angaben aus jener Zeit bei den Terrorangriffen ihr Leben verloren haben. Andere Schätzungen gehen von mehr Opfern aus.

Auf den Tag genau fünf Jahre vor der Verwüstung Rostocks - am 26. April 1937 - wurde mit dem baskischen Guernica die erste europäische Stadt von deutschen Bombern ausradiert. Die Legion Condor hatte ohne Rücksicht auf das Völkerrecht in den Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten des Putschistengenerals Franco eingegriffen. 70 Prozent der Innenstadt Guernicas waren nach dem Angriff vernichtet und 200 bis 300 Menschen getötet worden, auch hier waren es zumeist Zivilisten. Durch Pablo Picassos Werk "Guernica" wurde das Verbrechen weit über die Grenzen bekannt. Die Weltöffentlichkeit war erschüttert.

Rostock war an dem Luftschlag auf Guernica nicht unbeteiligt. Mehrere einmotorige Jagdflugzeuge vom Typ He 51 aus den Rostocker Ernst Heinkel Flugzeugwerken flogen den Angriff auf das baskische Städchen mit. Auch der spätere Standardbomber der deutschen Luftwaffe, die He 111, wurde in den Flugzeugwerken in Rostock-Marien ehe und Warnemünde gebaut. Der Flugzeugtyp war im März 1937 an die Legion Condor geliefert worden und im Zweiten Weltkrieg an den schrecklichen Bombardierungen von Warschau, Rotterdam und London beteiligt.

1942 wandte sich der Bombenterror gegen Deutschland. Bomber Command hatte sich im Frühjahr 1942 gegen Zielangriffe und für Flächenbombardements deutscher Städte entschieden. Nachdem Lübeck am 29. März als erste deutsche Stadt von britischen Bombern verbrannt worden war, rechneten auch viele Rostocker mit einem Angriff. Peter Schulz, der damals als Zwölfjähriger mit seiner Familie in der Dornblüthstraße lebte, erinnert sich: "Mein Vater ging daran, gemeinsam mit unserem Flurnachbarn und einem Bekannten unsere beiden Keller und den Kellergang mit dicken Balken, Bohlen und Krampen abzusichern." Rostock mit den Heinkelwerken und der Werft konnte nicht verschont bleiben. Am 23. April flog die Royal Air Force den ersten Nachtangriff. "Nach diesem Bombenangriff dachten wir alle, dass es vorbei sei, weil auch Lübeck nur diese eine Bombennacht gehabt hatte", beschreibt Schulz, dessen Vater nach dem Krieg sozialdemokratischer Bürgermeister der Hansestadt wurde, die Gefühle.

Am 24. April folgte der zweite Angriff. Hans-Jürgen Levermann damals als Katastrophenhelfer im Dauereinsatz schrieb in sein Tagebuch: "Während sich der Feind in der vorherigen Nacht hauptsächlich auf kriegswichtige Ziele konzentriert und Sprengbomben abgeworfen hatte, ging jetzt ein wahrer Hagel von Brandbomben auf die Wohnviertel nieder…" Nach der zweiten Bombennacht standen hohe Rauchwolken über der Stadt. Der Seewind hatte den Flammen geholfen. Die Feuerwehren, die in der Zeit der Bombenabwürfe auf den Landstraßen rund um Rostock warteten, waren danach ununterbrochen im Einsatz.

Die dritte Rostocker Brandnacht galt wiederum der Innenstadt, ehe sich die Bomber in der vierten Nacht wieder den Heinkelwerken zuwendeten. Die Werkhallen und 150 Flugzeuge wurden beschädigt. Der Historiker Jörg Friedrich schreibt in seinem Buch "Der Brand": "Mit dem Verlust einer Heinkelmonatsproduktion war die Austilgung der siebenhundertjährgen Fernhandelsstadt als einem Militärziel begründet."

Ende April 1942 war Rostock die am meisten zerstörte deutsche Stadt. 30 000 bis 40 000 Bewohner waren ohne Obdach. Zerstört wurden unter anderem die Nikolaikirche, die Jakobikirche, die Petrikirche, das Postgebäude, das Amtsgericht, das Oberlandesgericht, der Bahnhof, das Steintor, das Petritor, sowie ganze Straßenzüge wie die Slüterstraße, die Grubenstraße und die Paulstraße.

Wenn man schon nicht in der Lage war die eigene Bevölkerung vor den Bombenkrieg zu schützen, so hatte man zumindest die Schuldigen gefunden. Mecklenburgs NS-Gauleiter Friedrich Hildebrandt schwor den Juden Rache für die Angriffe. "Es ist ein jüdischer Krieg, Churchill und Roosevelt sind nur noch Marionetten", phantasierte der Naziführer.

Weitere Bombenangriffe auf die Hansestadt folgten schon im Mai 1942. Von 1941 bis 1945 wurden von den Briten insgesamt 990 Tonnen und von den Amerikanern 1950 Tonnen Bomben auf Rostock abgeworfen.

Die Briten erhofften sich von den Flächenbombardements auf deutsche Städte eine Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Ein Trugschluss, wie sich später zeigte. Auch die entsetzlichen Angriffe auf Köln, Hamburg oder Dresden änderten nichts am Durchhaltewillen. Der Krieg wurde erst 1945 mit dem Sieg über die Wehrmacht am Boden entschieden.

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